Auf den innersten Kern unternehmerischen Handelns besinnen

Würdigung des Vorreiters der Betriebswirtschaftslehre Friedrich Leitner

In der Zeitschrift „Der Betriebswirt“ wird immer mal wieder ein Rückblick auf die ersten Ausgaben dieser Publikation geworfen. In diesem Zusammenhang wurde ein Beitrag von Erich Kosiol ans Tageslicht befördert, den er 1950 in der ersten Ausgabe nach dem Zweiten Weltkrieg in „Der praktische Betriebswirt“ publiziert hat. Das erklärte Ziel dieser Zeitschrift war es,  „die Anerkennung der Betriebswirtschaftslehre als wissenschaftliche Disziplin“ zu erreichen. „Die betriebswirtschaftlichen Erkenntnisse haben sich in Wirtschaft und Verwaltung immer mehr durchgesetzt.“

Einen wesentlichen Beitrag zu diesem Anliegen leistete in dieser ersten Ausgabe Erich Kosiol, damals Direktor des Betriebswirtschaftlichen Instituts der Freien Universität Berlin. Darin würdigte er die Leistungen von Friedrich Leitner, den damals bereits verstorbenen Betriebswirtschaftler, der bahnbrechende Beiträge für die Betriebswirtschaft geschrieben hat und die ersten Schritte des neuen Wissenschaftszweigs mit seinen Lehren begleitete. Erich Kosiol beginnt in seinem Aufsatz mit einer Darstellung der Betriebswirtschaftslehre. Dieser Absatz schließt mit den Ausführungen:

“Die Betriebe, ob Haushalte oder Unternehmungen, sind die Wirkungszentren und Formungselemente der Wirtschaft. Der Betrieb wird zur kardinalen Kategorie, zum Zentralbegriff der wissenschaftlichen Disziplin. Durch dieses Verständnis der Wirtschaft wird der Betrieb selbst, der Aufbau und das Leben aller seiner Erscheinungsformen, zum Untersuchungsgegenstand des Faches. Die nicht selten vertretene Einengung der Betriebswirtschaftslehre auf eine Lehre vom Betrieb oder von der Unternehmung ist jedoch wissenschaftlich unhaltbar. Sie würde eine Horizontverengung bedeuten, die jedes ausreichend begründete Urteil über wirtschaftliche, ja sogar innerbetriebliche Tatbestände ausschließt, eine Verkümmerung und Verarmung betriebsökonomischen Denkens, die jede Forschung unmöglich macht, ein Zerreißen wirtschaftlicher Zusammenhänge, das nicht einmal für den praktischen Unternehmer, geschweige denn für den Wissenschaftler zulässig ist. Der Betrieb wird vielmehr zum Orientierungszentrum und  Beurteilungsmerkmal für die wissenschaftliche Betrachtungsweise. Ob z. B. Marktformen, Fragen der Preisbildung, die Verteilung des Sozialproduktes, Währungsprobleme, Fragen der Besteuerung oder auch wirtschaftspolitische Maßnahmen untersucht werden sollen, stets wählt die betriebswirtschaftliche Forschung ihren Ansatzpunkt in den Betrieben
als Aktions- oder Wirkungszentren. Der Betriebswirtschaftler sucht alle wirtschaftlichen Erscheinungen aus den Betrieben her zu erklären oder bis in die Betriebe hinein zu verfolgen. Ihn treibt die mikroökonomische Betrachtungsweise. Die Betriebswirtschaftslehre untersucht die Wirtschaft unter dem Aspekt ihrer Zusammengesetztheit aus Betrieben. Sie ist die Lehre von der Betriebswirtschaft als einer betriebsweisen Wirtschaft.”

Daran anschließend geht er auf die besonderen Leistungen von Friedrich Leitner ein, der als Professor der Wirtschaftshochschule sich um die Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät der Freien Universität verdient gemacht hat.

“FRIEDRICH LEITNER stammt aus Wien, wo er die Oberrealschule, die Handelsakademie und die Universität besucht. Nach mehrjähriger kaufmännischer Praxis im Bank- und Speditionsgeschäft wird er Assistent an der Wiener Handelsakademie. Nach bestandener Staatsprüfung für das Handelslehramt geht er als Oberlehrer 1898 nach Mainz und 1903 nach Frankfurt a.M., um zugleich als nebenamtlicher Dozent an der Akademie für Sozial- und Handelswissenschaften zu wirken.

Bei Gründung der Handelshochschule Berlin wird er neben Schär 1906 als hauptamtlicher Dozent berufen und 1908
zum ordentlichen Professor der Handelswissenschaft ernannt. 1924 machte ihn die Staatswissenschaftliche Fakultät der Universität Tübingen zu ihrem Ehrendoktor. Die Technische Hochschule Berlin ernannte ihn 1925 zum Honorarprofessor. Berufungen nach Leipzig, Mannheim und Stockholm hat Leitner abgelehnt. Er ist Berlin bis zu seiner Emeritierung 1938 treu geblieben.

Die vielseitige wissenschaftliche Produktivität Leitners kommt in seinen zahlreichen Schriften zum Ausdruck, die hohe Auflagen erreichten. 1901 erscheint seine erste Veröffentlichung über „Die private Versicherung im Dienste des Kaufmanns”. Noch vor seiner Berufung nach Berlin bringt er zwei Werke heraus, die sein wissenschaftliches
Ansehen begründen: Das Bankgeschäft und seine Technik, 1903; Die Selbstkostenberechnung industrieller Betriebe, 1905. Hier zeigt sich die tiefe Verankerung Leitners in der Tradition der österreichischen handelswissenschaftlichen Schule, die auch seinen methodologischen Standort und seine geistige Grundhaltung nachhaltig beeinflußt hat. Es zeugt zugleich von der wissenschaftlichen Selbständigkeit Leitners, daß er das bisher vernachlässigte Gebiet der Kalkulation aufgreift und sich der Erforschung der Industriebetriebe zuwendet.

Als Niederschlag seiner intensiven Berliner Tätigkeit – man lese nur die Fülle der Vorlesungen und Übungen im ersten Rektoratsbericht für die Jahre1906/09 nach – erscheint 1909 und 1911 in zwei Bänden der groß angelegte „Grundriß der Buchhaltung und Bilanzkunde”, der Jahrzehnte hindurch eines der wertvollsten Lehrbücher auf diesem Gebiete gewesen ist.
Einen weiteren Vorstoß in unerschlossenes Neuland unternimmt Leitner, als er 1917 „Die Kontrolle, Revisionstechnik und Statistik in kaufmännischen Unternehmungen” veröffentlicht und damit den Problemen der betriebswirtschaftlichen Überwachung gebührende Beachtung verleiht.

Erst relativ spät unternimmt Leitner den Versuch, eine systematische Grundlegung seines Fachgebietes zu geben. 1919 erscheint seine „Privatwirtschaftslehre der Unternehmung”, die 1926 von der 5. Auflage ab den Titel „Wirtschaftslehre der Unternehmung” erhält. Sie wird zwölf Jahre später (1931) als Frucht einer tiefschürfenden methodologischen Besinnung ergänzt durch eine programmatische Abhandlung unter der für Leitners wissenschaftstheoretischen Standpunkt überaus charakteristischen Bezeichnung „Renaissance der Privatwirtschaftslehre”. Man sieht daraus, wie zögernd und ernsthaft der Forscher an die letzte entscheidende Orientierung seiner Grundauffassungen herangegangen ist. Daß sich Leitner in den Jahren 1923/24 mehrfach zu den aktuellen Themen der Geldentwertung und Umstellung auf Goldmark äußert, entspricht der Lebensnähe und praktischen Bezogenheit seiner ganzen Arbeitsweise, die alle Veröffentlichungen Leitners kennzeichnet und ihre Tiefenwirkung in der Wirtschaft weithin hervorgerufen hat.

1927 kehrt Leitner in gewissem Sinne zum Start seiner Forschungstätigkeit zurück und verfaßt in der angesehenen Sammlung Göschen einen Band über „Finanzierung der Unternehmungen”. Noch als Emeritus gibt er 1944 eine Überschau über die „Wirtschaftslehre des Industriebetriebes”, von der er selbst sagt, daß er sie unter dem Einfluß der Weisheit des Laotse geschrieben habe: Klar sieht, wer von ferne sieht.

Leitner ist der ausgeprägte Vertreter einer methodologischen Forschungsrichtung in der Betriebswirtschaftslehre, die Schönpflug treffend als die empirischrealistische bezeichnet hat. Er geht von der mit unmittelbarer Evidenz gegebenen Wirklichkeit wirtschaftlichen Geschehens als realitas formaliter im Sinne Descartes’ aus und macht sie zum alleinigen Gegenstande seiner Erkenntnisziele. Daher ist Leitner ständig bemüht, seine Forschungsergebnisse, wie er selbst sagt, praktisch-empirisch und konkretisierend zu begründen, d.h. durch ausgedehntes Tatsachenmaterial und umfassende Detailuntersuchungen in der Wirtschaftspraxis zu untermauern. Einer gedachten Wirklichkeit als realitas objective steht er neutral gegenüber. Wenn ihre Existenz auch nicht bestritten wird, die logische Möglichkeit einer metempirischen Welt auch zugestanden wird, so liegt sie nach Leitner doch außerhalb der wissenschaftlichen Sphäre der Fachdisziplin.

Leitner bekennt sich in seiner ganzen Forschungsweise zur These einer wertfreien Wissenschaft. Jede Aufstellung und Begründung von Normen, jede Beurteilung von Werten und jeder Versuch, dem Seienden postulatorisch ein Sein-Sollendes gegenüberzustellen und nach wirtschaftspolitischen Idealen die reale Wirtschaft umzugestalten, wird von Leitner, in Übereinstimmung mit dem mehr theoretisch eingestellten Rieger, als Grenzüberschreitung objektiver Wissenschaft abgelehnt. Ihre Aufgabe ist es, die konkrete Erfahrungswelt in ihrem Seinszustand und Tatsachenzusammenhang rein explikativ zu erklären. Unter Verzicht auf jede teleologische Zielsetzung beschränkt sich Leitner auf eine naturalistisch orientierte, kausalgenetische Forschungsmethodik.

Aus dieser positivistischen Grundposition Leitners erklärt sich auch seine starke Abneigung gegen abstrakt-theoretische Problemstellungen. Er verwendet überwiegend induktive Forschungsmethoden und mißtraut auf deduktivem Wege gewonnener Systematik. Nach seinen eigenen Worten sind der Erkenntnis um ihrer selbst willen enge Grenzen gezogen. Man muß ihm zustimmen, wenn er wirklichkeitsfremde Theorien im reinen Äther mit Nachdruck ablehnt.
Seine pragmatische Zielsetzung ist auf die Zweckmäßigkeit wirtschaftlichen Handelns gerichtet. Für ihn ist die Einzelwirtschaftslehre eine angewandte Wissenschaft, bei der technologische Fragen der praktischen Gestaltung im Mittelpunkt stehen.L eitner geht zwar von der Konzeption einer universellen Einzelwirtschaftslehre aus, begrenzt aber für sich das Erkenntnisgebiet auf die Unternehmung in einem genau präzisierten, speziellen Sinne. Die Haushaltsbetriebe scheidet er als Konsum- oder Deckungswirtschaften aus. Die Erzeugungsbetriebe, die Leitner als Erwerbs- oder Ertragswirtschaften bezeichnet, werden nur so weit einbezogen, als sie privatwirtschaftlich orientiert sind und unternehmungsweise betrieben werden.

Damit stehen die gemeinwirtschaftlichen und die handwerksmäßig betriebenen Erwerbswirtschaften außerhalb seiner Forschungsaufgabe. So gelangt Leitner, zumindest als Nahziel der Fachdisziplin, zu einer Privatwirtschaftslehre der erwerbswirtschaftlichen Unternehmungen. Rückt man derart das individuelle Ertragsstreben des  Wirtschaftssubjektes und das hierfür eingesetzte Sondervermögen in den Mittelpunkt der Betrachtungsweise, so wird die Privatwirtschaftslehre nach ihrer letzten Zielsetzung zu einer Rentabilitäts- oder Spekulationslehre der kapitalistischen Erwerbswirtschaften. Dabei ist es für Leitner gleichgültig, ob das Wirtschaftssubjekt eine privatrechtliche oder öffentlich-rechtliche Person ist und wem der Überschuß zufließt.
Handelt es sich um den nützlichen Einsatz der konkreten Erwerbsmittel zur Erreichung des gesteckten Ertragszieles, so erweist sich die Privatwirtschaftslehre in ihrem Kern als eine Verwaltungs- oder Organisationslehre zur ökonomisch-technischen Durchführung des Erwerbsstrebens.

Leitner wehrt sich daher dagegen, das privatwirtschaftliche Interesse mit Egoismus
der Motive oder Geldverdienen gleichzusetzen. Die Privatwirtschaftslehre ist für ihn keine Profitlehre, sondern eine Wissenschaft von der Rationalisierung der Volkswirtschaft durch Rationalisierung der Einzelwirtschaft. Leitner versteht unter Ertrag nicht den Reingewinn schlechthin, sondern einen engeren Betriebsgewinn, der als Summe der  weckbestimmten, organischen, ordentlichen Gewinne aus äußeren und inneren Markt- und  Betriebseinflüssen durch fortgesetzte Unternehmertätigkeit entsteht. Er beruht auf Leistungen, die unmittelbar aus der organisatorischen Verbindung und zweckbestimmten Verwendung von Vermögen und Arbeit entspringen. Nichtbetriebliche, anorganische
und Zufallsgewinne sind in ihm nicht enthalten. Die Wertung betriebswirtschaftlicher
Erscheinungen vom subjektiven Unternehmerstandpunkt mag für die Sozialökonomik
zu eng sein, für die Einzelwirtschaftslehre ist diese Grundauffassung nichtig, so erklärt Leitner 1930 in seiner berühmt gewordenen Rektoratsrede.

Er sieht keine Möglichkeiten, Wirtschaftlichkeit oder gemeinwirtschaftliche Produktivität
zu beurteilen und zu messen. Hieraus erklärt sich auch seine sachliche Polemik gegen Schmalenbach und Nicklisch. Leitner steht auf dem Standpunkt, daß der sich anbahnende Strukturwandel in der Wirtschaftsordnung, der allmähliche Übergang zu gebundener oder
gelenkter Wirtschaftsorganisation, den Schmalenbach auf den kapitalintensiver
Wirtschaftsweise immanenten Tatbestand abnehmender Kostenelastizität zurückgeführt hat, den innersten Kern unternehmerischen Wirtschaftens, die Notwendigkeit, rentabel zu wirtschaften, nicht grundlegend geändert habe. Er sieht daher gerade für die Gegenwart
die Aufgabe der Privatwirtschaftslehre darin, zu zeigen, wie trotz der vorbelasteten
Unfreiheit gegenüber der autonomen Marktpreisbildung rentabel, wie trotz der Gebundenheit vernunftgemäß und zweckorientiert gewirtschaftet werden kann.
Wenn man auch, sei es im System seiner Privatwirtschaftslehre, sei es in Einzelheiten
seiner Schlußfolgerungen, der wissenschaftlichen Auflassung Leitners nicht beizupflichten vermag, man muß der klaren Konsequenz seines Denkens, dem Wahrheitsdrang und dem Ernst seiner Forschungsarbeit sowie dem Ausmaß undder Tragweite seiner  wissenschaftlichen Leistungen höchste Achtung zollen. Gerade durch die eindeutige Fixierung des von ihm bezogenen Standortes hat Leitner eine wissenschaftliche Selbstbesinnung vollzogen, die methodologisch bereinigend gewirkt und die Bahn für
eine Auflösung der Gegensätze frei gemacht hat.

Er selbst hat später eine Synthese der Betriebs- und Privatwirtschaftslehre zu einer einheitlichen allgemeinen Wirtschaftslehre der Erwerbswirtschaften vorgeschlagen, der er durch Betonung des Allgemeingültigen, Generellen mehr theoretischen Gehalt geben möchte. Hieraus ergibt sich dann die Notwendigkeit, das allgemeine Rationalprinzip
der Wirtschaftlichkeit zur Dominante der Betrachtungsweise zu erheben und den
Rang der nur betriebsbezogenen, einzelwirtschaftlichen Rentabilität hiermit in
Einklang zu bringen. Leitner übersieht keineswegs die engen Grenzen, die der Selbständigkeit einer Privatwirtschaftslehre gezogen sind. Nach seiner Meinung ist der Betrieb als Objekt wirtschaftswissenschaftlicher Forschung verhältnismäßig beschränkt.
Der Brunnen der Erkenntnis seines Wesens sei nicht tief und bald ausgeschöpft.  Er warnt vor einer Überschätzung der rein innerbetrieblichen Fragen, vor einer isolierenden Betrachtung der Betriebszusammenhänge, die er als geistige Autarkie bezeichnet.
Auch die Betriebswirtschaftslehre muß nach ihm auf dem sinnvollen Verstehen der Ganzheit der Gesamtwirtschaft beruhen.

Leitner forderte von der Betriebswirtschaftslehre, dass sie sich weniger in den Dienst des Betriebes, der Unternehmung und der  Verbände, sondern mehr als bisher in den Dienst der Allgemeinheit stelle. Aus diesem Dilemma zwischen einzelwirtschaftlicher Kausalität und determinierender außerbetrieblicher Überkausalität sieht Leitner nur einen Ausweg:
Die Einschmelzung der Privatwirtschaftslehre in eine Gesamtlehre von der Wirtschaft, in der sie als Unterganzheit mit eigenen Prinzipien der Stoffauswahl bestehen bleiben soll.
Damit nähert sich der Forscher der neuen Auffassung, wonach die  Betriebswirtschaftslehre den Betrieb als organisatorische Wirtschaftseinheit zum mikroökonomischen Orientierungszentrum ihrer Forschungsmethode für alle wirtschaftlichen Phänomene wählt. Er führt eine Reihe von Erscheinungen an, die
nur scheinbar eine ausschließliche Domäne der Sozialökonomik bilden, auf die aber mit großem wissenschaftlichen und praktischen Nutzen betriebswirtschaftliche Methoden angewendet werden könnten. Es ist überaus beachtenswert, wenn der empirisch-realistisch orientierte Forscher betont, daß der rationalistische Positivismus einer  nüchternen, sachlichen, d. h. unpolitischen Tatsachenforschung ohne Hypothesen auf die Dauer nicht befriedigen kann. Eine betriebstechnische Privatwirtschaftslehre, ein  Aufgehen der Betriebswirtschaftslehre in noch so verfeinerte Techniken und  Rechenverfahren lehnt er ab und kennzeichnet die drohende Gefahr der Verflachung, des
Rückfalls in ein diffuses Stoffwissen als Atomisierung der Fachdisziplin. 

Wenn auch Leitner zu den markantesten Vertretern einer wertfreien  Einzelwirtschaftslehre gehört, so bleibt er doch nicht ohne teleologischen Einschlag.  Er führt aus: Die Organisationslehre der Ertragswirtschaften hat das Sein-Sollende
theoretisch zu erörtern, das Bestehende zu kritisieren und Richtlinien des Handelns
aufzustellen. Die Einzelwirtschaftslehre führt naturgemäß zu Werturteilen über
das Sein-Sollen und mündet so in eine einzelwirtschaftliche Wirtschaftspolitik.
Obwohl in der Wirtschaftslehre kein Raum für ethische und soziale Werturteile ist, weil es an einer Norm und einem Vergleichsmaßstab fehlt, so gibt es nach Leitner doch eine individuelle Wertung wirtschaftlicher Handlungen vom Standpunkt des Wirtschaftlers aus, eine Beurteilung des Nützlichen und des Schädlichen, des Günstigen und des Ungünstigen für die eigene Wirtschaft, deren Maßstab im Aufwand zu sehen ist. Der Sinn, ein den Tatsachen übergeordnetes Sein-Sollen, des Wirtschaftslebens liegt für Leitner im Diesseits, ist eine subjektive Kategorie. Wenn auch das Prinzip der Wertbeziehung
im letzten nicht normativ ist, der Apriorismus sich zwar auf Werte bezieht, ohne selbst werten zu wollen, wenn auch die Auswahl des Wesentlichen auf immanenten
Maßstäben beruht, so verwischen sich doch die Grenzen der empirischen Explikation gegenüber einer wirtschaftspolitischen Tendenz und pragmatischen Teleologie auf realistischer Grundlage. Leitner steht den empirisch begründeten und  unvoreingenommenen Werturteilen, wie sie Schmalenbach und Walb als zulässig und notwendig erachtet haben, näher als dies Schönpflug in seiner methodologischen
Untersuchung herausgearbeitet hat. Leitner unterzieht zwar den Gesichtspunkt
der Gemeinwirtschaftlichkeit einer schonungslosen Kritik, indem er ihn als
Glaubensbekenntnis brandmarkt. Aber er will auch die Marktleistungen, die Wertung ihrer gruppen- und sozialwirtschaftlichen Zweckmäßigkeit, ihre gesellschaftliche Teleologie, ihre gliedhafte Zweckmäßigkeit, bezogen auf das Ganze, mit einzelwirtschaftlichen Methoden untersuchen. Er fordert von der Betriebswirtschaftslehre, daß sie sich weniger in den Dienst des Betriebes, der Unternehmung und der Verbände, sondern mehr als bisher in den Dienst der Allgemeinheit stelle.”

Mit Auszügen aus „Der Praktische Betriebswiirt” 1/1950

100. Geburtstag von Helmut Schmidt

Historisch und doch aktuell

Am 23. Dezember 2018 hätte Helmut Schmidt seinen 100. Geburtstag feiern können. Der 2015 im Alter von 94 Jahren verstorbene Politiker und frühere Bundeskanzler meldete sich bis ins hohe Alter nicht nur zu politischen Themen zu Wort, sondern auch zu wirtschaftlichen.

Solche Jahrestage führen dazu zurückzublicken. Da erhält ein Artikel in “Der Betriebswirt” im Jahr 2009 Bedeutung, als wir über einen spannenden Vortrag von Helmut Schmidt über Chinas Rolle in der Welt berichteten. Dabei ging der Altbundeskanzler nicht nur auf die politische, sondern auch auf die wirtschaftliche Bedeutung ein. Schmidt mahnte damals an die Riege der Manager, die Wirtschaftskraft Chinas nicht nur als Bedrohung zu sehen, sondern als Chance. In dem damaligen Beitrag heißt es: „Am Ende seines Vortrags setzte Altbundeskanzler Schmidt eine Empfehlung an die vertretenen Manager… Und mit einem mahnenden Zeigefinger in Richtung politische Entscheidungsträger, dass die handelspolitische Abschottung ein falscher Weg wäre. Der rasante Aufschwung sollte nicht in einer Konfrontation enden, sondern in eine Kooperation münden.
Wie weise! Was hätte wohl Helmut Schmidt zu der aktuellen Situation mit den US-amerikanischen Strafzöllen gesagt?

Helmut-Schmidt-China-Vortrag-2009 

Regina Meier

Die Sicht eines Spieltheoretikers: Modelle zur Unsicherheit und Weltwirtschaft

Interview mit Roger B. Myerson, Wirtschaftsnobelpreisträger

Im Sommer 2017 fand in Lindau am Bodensee das 6. Treffen der Nobelpreisträger für  Wirtschaftswissenschaften statt. Dort versammelten sich 17 Laureaten aus aller Welt, die in den vergangenen Jahren diesen „Preis der Schwedischen Reichsbank für Wirtschaftswissenschaften im Gedenken an Alfred Nobel” erhalten hatten.

Prof. Roger B.  Myerson, Wirtschaftswissenschaftler an der Universität von Chicago, nahm sich am Rande der Tagung Zeit für ein Pressegesgespräch, das er mit Zhonghao Shen, Korrespondent der Xinhua News Agency, und Regina Meier, „Der Betriebswirt“, führte.

Meier: I remember very well the last meeting at Lindau in 2014 when we spoke about macro-economics and politics, especially about Ukraine. Which threads do you see today for the world economy?

Myerson: Ukraine is still an important frontier for liberal democracy. As an American who cares about Ukraine, I believe Ukraine should always be economically, culturally and perhaps in international relations close in line with the Russian people. I have the greatest hope for positive political development of that whole area including Russia. America should never try to bring Ukraine to the NATO unless Russia is also a part of the NATO. But there are also other challenges in the world:  I‘m concerned about the European Union and also about political issues in the United States.

Shen: You have written a letter with other economists to the government of Trump. What is your opinion about what he is doing in the government?

Myerson: If I could get my country make to pay attention to me for 45 seconds, I would say please let’s never again elect someone to the presidency who has not held public power and served  responsibility in some public office before we elect him to the highest office.
Donald Trump has no history of exercising public power or responsibility, this is a serious problem. He should have served as a governor of a state for four years – like Ronald Reagan, who ran for governor first and then ran for president.

In the long run the stability of the constitution of a great presidential democracy depends on the individuals who rise for the highest office. They should first show some personal commitment to upholding the constitutional rules.  In a presidential democracy it is particularly important that the President must show a deep understanding of and a personal commitment  to the constitutional constraints on his office. That’s not something that Donald Trump has shown in his career as a businessman.

The other thing is the international view. The United States must stay reliable and predictable in the future. The global investors have a large part of their portfolios held in dollars, because the United States has long been recognized as the most stable and reliable government of the world and a predictable force in the world. Now we have a President who says that the United States should be less predictable in its international relations, and the result could be to decrease investors’ demand for US dollar debt, especially if the Republicans pass a tax cut that increases the federal deficit. 

“The United States must stay reliable and predictable in the future.”

If such policies by the Trump administration give us a weak dollar, there may be some increase in American manufacturing jobs, as the President promised, but there would also be an inflationary increase in the cost of living for Americans. The high value of the dollar for the last generations was because of the reliability of the United States. Now we withdraw from the Paris accord for example, we are not a reliable partner any more. And the Americans should care about the value of the reputation.

Shen: There have been structure reforms made in China. Do you have an optimistic prospective for China?

Myerson: I actually don’t know what structural reforms are happening in China, I think this is a time when the leaders of the party in China are trying to consolidate the monopoly on power, and as an American who understands the benefits of multi-party democracy that concerns me.

The Chinese system is different. The Chinese communist party has done a good job of creating competitive firms but those firms are not independent, the party has influence in their policies, and government officials tend to be more involved in firms in China than in similar firms in Europe or America. I believe that Chinese confidence in their financial system is not based as much on financial accounting but depends more on political oversight of financial institutions. But this means that, if a loss of confidence comes, it’ will have political consequences. That is, if the Chinese financial institutions disappoint their investors that is going to be a political disappointment.

Shen: Do you think the rapid Chinese growth is the solution to China’s problems?

Myerson: The rapid growth over the past during the last 25 years in China is by any standards a great accomplishment of the Chinese government and was one of the best, probably the best thing for humanity in our lifetime, helping more people to gain more by any measure. But of course 10 % growth cannot continue forever.  I think a slowing of growth is to be expected.

New investment is very elastic to the business environment and to the reputation to the municipality for providing a save place to invest.  So a slowing of new investment imay reduce incentives for local governments to restrain corruption.

Meier: There are lot of efforts to strengthen sustainability not only in ecology but also in economics. What does sustainability mean to you? Does it play an important role in your research?

Myerson: Sustainability is everything in the long run. In some ways sustainability is proper government budgeting, is about making sure keeping the depths under control, sustainability of the current public services, the current tax system. But sustainability is also used to talk about environmental sustainability: there is a lot to be done about that. Lars Hansen just gave a good talk here in  Lindau about the uncertainties in climate science and the impact of carbon. 1)

“The sustainability of our global environment clearly requires global cooperation.”

From what he said, I think we need models which put a positively probability on the idea in which carbon has no effect on global economies, because that is what the deniers say, and they need to see that carbon taxes to reduce emissions may be a prudent conservative policy, even if there is some chance that we might find it unnecessary. I strongly recommend William Nordhaus’s book, which is called „The Climate Casino“ 2) – the title itself is telling you that his analysis begins with the uncertainty about weather.  

But given the serious possibility that carbon emissions may be devastating the global environment, it is a risk that demands a serious response. I deeply regret the withdrawal of the United States from the Paris climate accords, because the sustainability of our global environment clearly requires global cooperation.  Developing such global cooperation is a game-theoretically difficult problem, and consistent leadership from the United States would have been very helpful.

– Ende des Interviews – 

 

 

Hier gehts zur Druckfassung des Interview mit Roger B. Myerson

 

Vor der Wahl hatten sich die Nobelpreisträger zur Kandidatur von Donald Trump zu Wort gemeldet: home.uchicago.edu/rmyerson/nobelecon2016.pdf

1) Lars Peter Hansen: Wrestling With Uncertainty in Climate Economic Models, Lecture beim 6. Treffen der Wirtschaftsnobelpreisträger in Lindau 2017

2) William Nordhaus “The Climate Casino: Risk, Uncertainty, and Economics for a Warming World”, Yale University Press 2013

 

Wirtschaftsnobelpreisträger in Lindau

Zum 5. Mal trafen sich die Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaftler in Lindau

Für drei Tage verwandelte sich das Stadttheater Lindau in einen Hörsaal der Extraklasse. Insgesamt 17 Träger des Alfred-Nobel-Gedächtnispreises für Wirtschaftswissenschaften, wie der korrekte Titel der Laureaten heißt, präsentieren in diesem Jahr dort ihre Forschungen.

Drei Tage lang präsentierten die Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften ihre Forschungen in Lindau.

Groß war der Kreis, der sich um eine Teilnahme an dieser Veranstaltung beworben hatte. Über 350 junge Wissenschaftler nahmen an den zahlreichen Vorlesungen und Podiumsdiskussionen teil.

Die Keynote sprach bei diesem Treffen Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank. Dabei trat er als Verfechter der rigiden Geldpolitik der Zentralbank auf: „Wenn sich die Welt wie in den vergangenen zehn Jahren ändert, muss insbesondere die Geldpolitik angepasst werden.“

Mit dabei waren auch die Nobelpreisträger, die 2016 den Nobelpreis für ihre Forschungen auf dem Gebiet des Verhaltens privater Akteure und der Gestaltung von Public Policies erhalten hatten: Oliver Hart und Bengt Holström. Hart referierte in Lindau zu seinem Spezialgebiet: „Should a Company Pursue Shareholder Value?”, während Bengt R. Holmström auf das Thema „Debt and Money Markets“ einging.

Die Vorträge waren in diesem Jahr mit besonderem politischem Schwerpunkt. Eric S. Maskin sprach über „A Better Way to Choose Presidents”, wobei er hofft, dass aktuelle Ereignisse  durch seine Forschungen erhellt werden können. Dabei legte er seine theoretischen Analysen vor, warum Donald Trump zum amerikanischen Präsident gewählt worden ist.  

Am Podium standen die Wirtschaftsnobelpreisträger, hier Prof. Dr. Myerson

Roger B. Myerson behandelte „Local Agency Costs of Political Centralisation”, wobei er seinem theoretischen Modell ein praktisches Beispiel – in diesem Fall aus Botswana – gegenüberstellte.
Auch Lars Peter Hansen betonte in seiner Präsentation „Wrestling With Uncertainty in Climate Economic Models“ die politischen Dimensionen des Themas. Sir Christopher A. Pissarides untersuchte „Work in the Age of Robots” und stellte in einem Schaubild deutlich heraus, welche Berufsgruppen von der Digitalisierung besonders betroffen und wo die Gewinner der zukünftigen Arbeitswelt zu finden sind.

Die Treffen der Nobelpreisträger in Lindau haben bereits Tradition. So fand das jährliche Treffen der Nobelpreisträger der naturwissenschaftlichen Disziplinen in diesem Jahr bereits zum 67. Mal statt. Ausgangspunkt dieser Treffen war das Anliegen von Graf Lennart Bernadotte, Enkel des König Gustav V. von Schweden, ein Forum zu schaffen, das dem friedlichen Austausch der Wissenschaftler aus aller Welt dienen sollte. 1951 fand aufgrund seiner engen Beziehungen zum schwedischen Königshaus dieses Treffen erstmals in seiner Residenz auf der Insel Mainau statt. Man wollte  eine Annäherung unter Wissenschaftlern nach dem Zweiten Weltkrieg erreichen. Die Nobelpreisträger sagten damals spontan zu und begründeten damit eine Tradition, die bis heute anhält.

Gräfin Bettina Bernadotte hieß die Wissenschaftler
zu dem 6. Treffen der Wirtschaftsnobelpreisträger willkommen

2004 wurde diese Einrichtung auch für die Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften begründet. Allerdings erlebte Graf Bernadotte diese Erweiterung nicht mehr, seine Frau Sonja übernahm diese lang vorbereitete Aufgabe. 2008 hat Gräfin Bettina Bernadotte diese Schirmherrschaft von ihrer Mutter übernommen.

Bereits in den ersten Jahren der Lindauer Treffen wurde der Austausch der Laureaten um den Dialog mit jungen Wissenschaftlern, Ph.D.-Anwärtern und Studenten erweitert. Damit wurde das Erfolgsrezept der Treffen  begründet, die verschiedenen Generationen der Wissenschaftler zusammenzubringen, die bereits Lorbeeren für ihre Erfolge und Forschungen errungen haben und jene, die am Start ihrer wissenschaftlichen Karriere stehen.       

In diesem Jahr hat das Komitee eine Erweiterung in dem Austausch der Wissenschaftler geschaffen: Erstmals gab es am späten Nachmittag Seminare zu den Gebieten Mikroökonomie, Makroökonomie und Angewandte Mikroökonomie.

Tatsächlich nickten die Professoren nicht nur die Arbeiten der jungen Wissenschaftler ab,  sondern gaben teilweise aus ihrem breiten theoretischen Wissen wertvolle Anregungen für die Weiterentwicklungen der jeweiligen Themen (siehe Kasten).

Für die zuhörenden Jungwissenschaftler ein besonderer Anreiz, seine eigenen Forschungsschwerpunkte mit den anderen zu messen. So waren trotz der vorgerückten Stunden diese Seminare intensiv besucht. Immerhin waren die Tage vom frühen Morgen an angefüllt mit Vorträgen, Podiumsdiskussionen, anspruchsvollem Austausch in den Pausen, in denen insbesondere die Nobelpreisträger umlagert waren und mit Fragen überhäuft wurden. Trotzdem waren die wenigen Plätze, die es für das zusätzliche Science Breakfast morgens um 7 Uhr gab, sehr schnell vergeben.

Peter Altmaier, Kanzleramtsminister, hielt die Festrede im Dornier-Museum.

Das straffe Programm der Wissenschaftsveranstaltung ließ allerdings auch genügend Zeit zum gegenseitigen Kennenlernen. So gab es zum Auftakt einen geselligen bayrischen Abend. Doch schon am zweiten Abend beim offiziellen Festessen rückte Kanzleramtsminister Peter Altmaier in den attraktiven Räumlichkeiten des Dornier-Museums die Wirtschaftswissenschaften in den Mittelpunkt. Wohl wolle er als Jurist nicht über Ökonomie referieren, doch hat sich aus seinen Grundlagen-Vorlesungen in Wirtschaftswissenschaften das Ricardo-Modell eingebrannt. Er befürworte nicht nur den weltweiten Austausch der Wissenschaften, sondern auch des Handels und trete gegen Abschottung ein. „Je kleiner ein Land ist, umso wichtiger ist es, dass es international verbunden bleibt“, bekräftigte er seine Aussagen und ergänzte, dass sich die Bundesregierung dafür einsetze, dass der Weg zu offenen Märkten fortgesetzt wird.

Entspannende Phasen der Tagung gab es dann am Schlusstag. Bei einer entschleunigenden Bodenseefahrt von Lindau auf die Insel Mainau kamen sich die Wissenschaftler näher und man konnte sich über individuelle Zukunftspläne austauschen.

Abschließende Podiumsdiskussion auf der Insel Mainau.

Doch kaum auf der Insel angekommen, gab es die abschließende Podiumsdiskussion. In großer Runde trafen sich die Laureaten  James J. Heckman, Daniel L. McFadden und Sir Christopher A. Pissarides mit der jungen Wissenschaftlerin Rong Hai und dem Moderator Torsten Persson vom Institute for International Economic Stockholm zu dem Thema „What could and should we do about inequality?” Dabei wurden nach einem Versuch der Definition von Ungleichheit von den Wissenschaftlern konkrete Ansätze formuliert, wie man der Ungleichheit begegnen kann und durch internationale Beispiele untermauert: Sei es das Projekt der Pueblo Indianer in den Reservaten Casinos zu eröffnen oder die chinesische Gesundheitspolitik. Auf die Fragen nach den Gründen der Armut in Afrika konnte nicht umfassend eingegangen werden, Heckmann sieht die Gründe zum einen in den Handelsbeschränkungen und in der politischen Instabilität der jeweiligen Staaten. Wobei sich das Podium darüber einig war, dass das Chaos, das aus Ungleichheit und Armut resultiert, die größte Bedrohung für die globale Wirtschaft sei. Daher sind darin auch die zukünftigen Forschungsprojekte für Wirtschaftswissenschaftler zu suchen, spornte Pissarides die jungen Wissenschaftler an, sich darin zu engagieren. Mit dem treffenden Satz „I’m not sure if we’re any wiser, but at least we’re confused at higher level”, beschloss Persson die Podiumsdiskussion.

Entspannung gabs Science Picnic im Arboretum auf der Insel Mainau.

Wirkliche Entspannung setzte beim Science Picnic im Arboretum auf der Insel ein. Selbstverständlich wurden heimische Produkte der Bodenseeregion geboten und den Gästen aus aller Welt schmackhaft serviert.

Sicher ist, dass diese Verbindungen, die auf diesem Treffen geschaffen wurden, lange halten. Auch dies haben die Veranstalter aufgegriffen und aktuell das Lindau Alumni Network geschaffen. Dies bietet eine online Plattform für die ehemaligen Teilnehmer der Lindau Nobel Laureate Meetings. Mithilfe dieses digitalen Austausches soll der Geist von Lindau weiter lebendig gehalten werden.

Tagung erweitert um Seminare

Ein Novum gabs beim diesjährigen sechsten Treffen der Wirtschaftsnobelpreisträger in Lindau: Nicht nur die Laureaten hielten Vorträge, vielmehr traten auch die teilnehmenden Jung-Wissenschaftler als Referenten auf.

Jeweils zehn Nachwuchs-Wissenschaftler konnten in einem der neun Seminare ihre Forschungen vor einer Gruppe von Nobelpreisträgern vorstellen. Strikt eingehalten werden musste die maximale Präsentationslänge von sechs Minuten. Danach folgte noch eine Kommentar- und Fragerunde der etablierten Wissenschaftler, und schon folgte das nächste Thema. Strenge Kriterien lagen dieser Auswahl der Vorstellungen im Vorfeld zugrunde, um so mehr waren die ausgewählten jungen Referenten angespornt, eine eindrucksvolle Präsentation ihrer Ergebnisse vor den etablierten Wissenschaftlern zu halten. 

Den Nobelpreisträgern wurde dabei die breite Vielfalt der Themen offenbar, die im Fokus der Nachwuchswissenschaftler stehen.

So boten die Themen genügend Zündstoff auch zur inhaltlichen Auseinandersetzung.  Nobelpreisträger Robert J. Aumann stellte bei dem Vortrag von Magdalena Helfrich, Universität Bayreuth, über „Salience in Retailing: Vertical Restraints on Internet Sales” grundsätzlich in Frage, ob man sich mit dem Thema des Internetverkaufs überhaupt auseinandersetzen müsse, da es Konsumenten gäbe, die die technologische Herausforderung eines online Shoppings nicht annehmen und daher eine Restriktion von Herstellern, ihre Güter im Internet zu verkaufen, ins Leere laufen.

Die Themen der jungen Wissenschaftler über ihre Forschungsarbeiten war so breit gefächert wie die Disziplin selbst. Da referierte Fabian Wahl, Universität  Hohenheim, über „Does European Development Have Roman Roots? Evidence From the German Limes”, gefolgt von dem Vortrag „Children or Education, or Both? Fertility Prospects and Educational Investment in China During the One-Child-Policy“ von Eva Raiber, Toulouse School of Economics, und weiter ging es mit dem Thema „War and Behaviour” von Wolfgang Stojetz, Humboldt-Universität zu Berlin.

Rong Hai von der University of Miami sprach in den vorgegebenen sechs Minuten über „A Dynamic Model of Health, Addiction, Education, and Wealth“, daran schloss sich der Vortrag von Felix Resel, ifo Institut – Leibniz Institute for Economic Research an der Universität München, an: „ Activating History – the Turkish Sieges of Vienna, Anti-Turkish Campaigns, and the Rise of Right-Wing Populism“. Darin kam er zu dem Schluss: „Watch out: history may hit back.“

Insgesamt führte die Vielfalt der Themen vor Augen, dass die wirtschaftswissenschaftliche Forschung sehr wohl relevant für die Gesellschaft ist, wenn auch die Formulierung der Themen einen realitätsfernen Eindruck machte. Insgesamt maßen sie sich an der Feststellung, wie man den heutigen Problemen begegnen kann und entwickelten Lösungsansätze.

Beispiel dafür war der Vortrag von Blythe Adamson, Universität Washington „Incentivising Drug Adherence: Conditional Cash Transfers for HIV Patients“, oder von Rachel Cassidy, Universität  Oxford, über „ The Power to Protect: Intra-Household Bargaining and Female Condom Use“.

Insgesamt gaben diese Seminare dem Treffen eine neue Qualität und machen diese Veranstaltung noch attraktiver, sich als Wissenschaftler um die Teilnahme zu bewerben –  sofern man unter 35 Jahre ist. Mit einem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften in der Tasche wäre man automatisch dabei, so lautete auch der Schlusspunkt bei der Abschiedsrede des Vertreters der jungen Wissenschaftler auf der Insel Mainau!

Text und Fotos: Regina Meier

Hier gehts zur Druckfassung des Berichts über die Lindauer_Tagung August 2017

Weitere Details des Programms: Mediathek der Lindau Nobel Meetings

Nachhaltigkeit wesentliches Thema für Barack Obama

Verleihung des Deutschen Medienpreises in Baden-Baden

Auch wenn er nicht mehr der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika ist, hat das Wort von Barack Obama Gewicht und wird weltweit gehört. Als er kürzlich im Rahmen eines Deutschlandsbesuchs den Deutschen Medienpreis 2016 in Empfang nahm, hielt er bei dem Besuch in Baden-Baden eine beachtenswerte Rede.

Medienpreisverleihung in Baden-Baden

Karlheinz Kögel, der den Preis zum 25. Mal verlieh, lobte Barack Obama als außergewöhnlichen Menschen, der  wie kein anderer die Vision einer Welt verkörpere, in der es Hoffnung gibt und der Wandel zum Besseren möglich ist. Er sei ein begnadeter Politiker unserer Zeit, eine Führungskraft, die exemplarisch gezeigt hat, was Worte bewirken können. Der Deutsche Medienpreis, der von dem Preisstifter Karlheinz Kögel mit einer Jury aus Chefredakteuren und Medienverantwortlichen vergeben wird, würdigt Präsident Obama als den herausragenden, weltweit anerkannten Repräsentanten der internationalen Politik des vergangenen Jahrzehnts.

Die Laudatio hielt Joachim Gauk, ehemals Bundespräsident Deutschlands.

Die Laudatio bei der Preisverleihung hielt Joachim Gauck, der ehemalige Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland. Obama sei als Politiker nicht nur ungewöhnlich, sondern habe die Ressource Hoffnung vor Augen geführt.

Barack Obamas Charisma, sein mitreißendes Anpacken von Themen, seine Fähigkeit, Menschen zu animieren, Probleme anzugehen, war auch in Baden-Baden zu spüren.

Das Thema der Nachhaltigkeit ist für ihn ein zentrales Thema. Ob es um Klimaschutzabkommen oder Gesundheitspolitik geht, er vermittelt den Eindruck, dass er Themen in den Mittelpunkt stellt, die langfristig zum Wohl der Menschen wichtig sind. Jetzt – nach seiner Präsidentschaft – arbeitet er weiter daran: mit Auftritten wie auf dem Evangelischen Kirchentag in Berlin oder auch in der Obama-Sitftung, die er gemeinsam mit seiner Frau leitet. 

Barack Obama lobte die deutsche Haltung in der Flüchtlingsfrage.

Auch bei der Verleihung des Deutschen Medienpreises 2016 in Baden-Baden propagierte er seine Ziele. Er gab gleichzeitig auch Lob an Deutschland Ausdruck über den nachhaltigen Einsatz in Flüchtlingsfragen und bestätigte das gute Verhältnis zu Angela Merkel.

Er verfolgte eisern seine Regel, den Nachfolger im Amt nicht zu kritisieren. Doch waren seine Aussagen deutlich auf Donald Trump ausgerichtet, als er die positiven Errungenschaften seiner Amtszeit in Sachen Freihandel und Gesundheitsversicherung auflistete.

Seine Rede beendete er mit den deutschen Worten „Vielen Dank“. Damit erntete er weitere Sympathiepunkte bei den Anwesenden.

Für die Preisverleihung hatten sich so manche Prominente aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Medien eingefunden. Auf der Gästeliste standen unter anderem Bundestrainer Joachim Löw, Dr. Wolfgang Porsche, wie auch die Moderatoren Günther Jauch und Johannes B. Kerner. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble nahm ebenso daran teil und konnte vor der Preisverleihung mit Obama sprechen. Beide kamen über einen rollstuhlgerechten Zugang in das Auditorium und nicht über die breite Treppe zum Podium.

Winfried Kretschmann, Ministerpräsident von Baden-Württemberg, sprach ein Grußwort.

Winfried Kretschmann ließ es sich nicht nehmen, ein Grußwort als baden-württembergischer Ministerpräsident an den Preisträger zu richten und lobte seine Anstrengungen für ein Klimaschutzbündnis: „Ohne ihn wäre das Klimaabkommen von Paris nicht zustande gekommen.“ 

Leider war ein Interview mit ihm aufgrund der Terminenge nicht möglich, auch wenn die Fragen zur Nachhaltigkeit unter  den Nägeln brennen. Gern hätten wir ihm die Fragen nach seiner Sicht der Nachhaltigkeit gestellt. Welche Umstellungen in den Wirtschaftssystemen sind notwendig, um nachhaltiges Wirtschaften zu ermöglichen? Welche nachhaltigen Errungenschaften seiner Amtszeit waren für Sie besonders wichtig? Welche sind gerade in Gefahr wieder gekippt zu werden, und welche werden bleiben? Aber auch Fragen nach CARB II, was bedeutet es für deutsche Unternehmen, die in die USA exportieren?

Vielleicht nimmt ja Barack Obama die Einladung von Margret Mergen, Oberbürgermeisterin der Stadt Baden-Baden an, und verbringt mal eine Woche im Schwarzwald. Dann ist vielleicht die Terminplanung entspannter, und wir können unsere Fragen stellen. Wenn sich bis dahin nicht neue Themen ergeben haben. 

Regina Meier

Hier gehts zur Druckfassung des Berichts über die Medienpreisverleihung an Barack Obama im Mai 2017 in Baden-Baden

Ein jüdisches Schicksal – Eugen Neter

Auf einer Wanderung vom Müllenbild nach Gernsbach kommt man an einer Hütte vorbei, die den Namen Neter-Hütte trägt. Auf der Suche nach der Herkunft dieses Namens stößt man auf die jüdische Familie Neter, die bis Anfang dieses Jahrhunderts in Gernsbach gelebt hat. Nur schwach sind noch die Spuren, die man in Gernsbach von dieser Familie findet, und doch ist die Familie Neter eine der jüdischen Familien in Gernsbach, die lange Jahrzehnte zum Gernsbacher Stadtleben gehört, die nicht nur das wirtschaftliche Geschäftstreiben durch ihre Händler- und Handwerkstätigkeiten maßgeblich geprägt hat, sondern auch aktives Mitglied der jüdischen Gemeinde war.

Eugen Neter (1876 – 1966)
Quelle: Stadtarchiv Mannheim
Ein berühmter Sohn dieser Familie, Eugen Neter, erwarb über die Grenzen seiner Geburtsstadt Gernsbach und Wirkungsstätte Mannheim hinaus Berühmtheit. Als Arzt hat er seine Dienste nicht nur den Mitgefangenen in dem französischen Konzentrationslager Gurs zur Verfügung gestellt, sondern auch später in Israel sein persönliches Schicksal den Anforderungen, die an seinen Beruf gestellt wurden, während des 7-Tage-Krieges, untergeordnet.

Anfang des 19. Jahrhunderts kommt die Familie Neter nach Gernsbach. Sie betreibt eine offene Warenhandlung, aus der später eine Eisenwarenhandlung wird. Bereits 1819 ist Raphael Neter als Besitzer eines zweistöckigen Hauses an der Hofstätte eingetragen, zu der nicht nur ein Wohnhaus, sondern auch eine Stallung, ein Magazin und eine Schmiedewerkstätte gehören. Sein Sohn Isaak (1804-1875) übernimmt 1835 das väterliche Geschäft. Isaak Neter wurde bereits 1848 für wenige Monate in den Gernsbacher Synagogenrat gewählt, aber erst 1869 zum vollgültigen Mitglied ernannt. Die israelitische Gemeinde Gernsbach war auch im 19. und 20. Jahrhundert klein. 1825 zählte sie 56, 1875 32, 1895 68, 1900 57, 1925 65 und 1933 54 Seelen.
Isaak Neters Sohn Joseph geht später nach Mannheim und steht dort der Eisenwarenfabrik und Verzinkerung J. Neter Sohn vor.
Sohn Eli (1837-1908) bleibt in Gernsbach und übernimmt das Gernsbacher Hauptgeschäft.
Eli Neter heiratet die Jüdin Auguste Sinnauer aus Grötzingen (1843-1895). Insgesamt zwölf Kinder entstammen dieser Ehe. 1881 erwirbt die Familie das stattliche Haus am Marktplatz, heute Hauptstraße 21, in unmittelbarer Nachbarschaft zum Alten Rathaus und der damaligen Höheren Bürgerschule.

Die Kinder der Familie Neter sind alle miteinander fleißige Besucher der Höheren Bürgerschule. Das Schicksal von dreien der Kinder soll hier genauer betrachtet werden.
Moritz (Walter) Neter, geboren 1878 in Gernsbach, kam 1887 in die hiesige Bürgerschule. ging später auf das Rastatter Gymnasium, um dann Jura in Heidelberg zu studieren. Nach 1903 lebte er als Rechtspraktikant in Gernsbach, zog aber später nach Baden-Baden und hat die Stadt Gernsbach offiziell in mehreren Rechtsfällen vertreten. Sein weiterer Lebensweg lässt sich nicht mehr genau weiterverfolgen. Es soll ihm gelungen sein, nach England zu emigrieren, dort eine Stelle als Syndikus eines Zigarettentrustes innegehabt zu haben. Sein Todesjahr ist vermutlich 1956. Er veröffentlichte einige Novellen und Erzählungen und publizierte auch Beiträge in der Beilage „Pyramide” des Karlsruher Tagblattes.

Eugen Neter wurde 1876 als sechstes Kind der Familie in Gernsbach geboren. In seinen Erinnerungen, die er anlässlich seines 80. Geburtstages niederschrieb, schaute er voller Dankbarkeit auf seine Kindheit in Gernsbach zurück: Die ersten 17 Lebensjahre verliefen „genau so friedlich ungestoert, wie das ganze Leben in dem kleinen Gebirgs-Staedtchen, in welchem ich meine Kindheits- und Jugendjahre gelebt habe. Ich habe sie in lieber Erinnerung … Manchmal zog ein Baerentreiber musizierend durch die Strasse; einmal im Jahr gab eine Seiltaenzergruppe vielbestaunte Vorstellungen und zweimal im Jahr war grosser Markt mit Scbiessbuden und Karussels … Die Tageszeitung erschien einmal in der Woche … “.

In der Nachbarschaft der Familie Neter am Marktplatz in Gernsbach wohnte die Familie Maas, deren Sohn Hermann, der spätere Prälat Dr. h.c. Hermann Maas, seit der Kindergarten- und Schulzeit ein Freund Eugen Neters war. Diese Freundschaft blieb bis ins hohe Alter lebendig; so besuchte Hermann Maas Eugen Neter häufig in seiner neuen Heimat Deganiah in Israel.

Nachdem Eugen Neter das Abitur am Rastatter Gymnasium absolviert hatte, begann er 1894 mit dem Studium der Medizin in München und Heidelberg, wo der 1899 die medjzinische Staatsprüfung ablegte und 1900 an der mediznischen Fakultät promovierte. Seine beruflichen Stationen führten ihn über die Assistenzarztstelle an einem Berliner Krankenhaus nach Mannheim, wo er 1903 eine Praxis als Kinderarzt eröffnete. Die ersten Jahre seiner Praxis waren nicht leicht. Damals wollten die ärztlichen Vereine die Bezeichnung als Kinderarzt nicht anerkennen. Neben seiner Praxis führte er ein Säuglingsheim mit einer Schwesternschule und gab Unterricht in einem Kindergärtnerinnen-Seminar. Zeit seines Lebens war ihm die Weitergabe seiner Kenntnisse ein Anliegen. Er war ebenso ehrenamtlich leitender Arzt eines Heimes für uneheliche Mütter, zur damaligen Zeit war dies nicht gerade eine Stufe zum gesellschaftlichen Aufstieg. Zahlreiche Publikationen aus jener Zeit dokumentieren sein starkes berufliches Engagement, vor allem für Kinder.

Dr. Eugen Neter und seine Frau Marie Luise 1946. Quelle: Stadtarchiv Mannheim
1909 heiratet er die Christin Luise Janson (1876-1950). Eugen Neter nahm am Ersten Weltkrieg teil, wo er als Stabsarzt in Frankreich an der Front eingesetzt war, und wurde mit der Kriegs-Rettungsmedaille ausgezeichnet. Nach dem Krieg wurde er Vorsitzender der Mannheimer Ortsgruppe des „Reichsbundes Jüdischer Frontsoldaten”.
Schon 1936 mussten die jüdischen Ärzte Behinderungen bei der Ausübung ihres Berufes hinnehmen. Auf Briefbogen und Rezepten hatte der Arzt stets einen Stempel „nur zur Behandlung von Juden zugelassen” zu führen. Eugen Neter, ein in weiten Kreisen bekannter und geschätzter Kinderarzt, konnte lange Zeit eine Sonderstellung einnehmen. Wie sein Freund Maas rückblickend urteilte: ,,Aus dem Kinderarzt war der Vater aller Verfolgten in Mannheim geworden.” Doch Eugen Neter ahnte schon damals die fürchterliche Tragödie des Schicksals der Juden in Deutschland: „Wie lang werd ich noch hier bleiben können?”, und verschenkte ein Bild des Storchenturms in Gernsbach an seinen Freund aus den Kindheitstagen, Hermann Maas. ,,Komm, nimm’s in deine Hut und behalte es als Erinnerung an mich und unsere Heimat”, erinnert sich Hermann Maas.

Bei den Pogromen vom 10. November 1938 wurde Neter für kurze Zeit verhaftet, danach übernahm er den Vorsitz der jüdischen Gemeinde in Mannheim. In dieser schweren Zeit bemühte er sich vor allem um die Einrichtung von Lehrwerkstätten, um der Jugend für die Auswanderung eine handwerkliche Grundlage zu geben.

Fünf der Geschwister Eugen Neters waren bereits in den dreißiger Jahren in die USA, Brasilien und Argentinien ausgewandert und haben sich so vor den Verfolgungen der Nazis in Sicherheit gebracht. Sein Sohn Martin (Schau!) wanderte 1934 nach Israel aus. Doch drei der Geschwister Eugen Neters wurden letztlich Opfer des Holocaust.

Der 22. Oktober 1940 war für Eugen Neter wie für viele seiner jüdischen Glaubensbrüder ein schicksalhafter Tag. Am frühen Morgen wurden die rund 6.500 noch in Baden, der Pfalz und im Saarland lebenden Juden festgenommen und zu Fuß, mit Lastwagen, Militärfahrzeugen in bereitstehende Züge verfrachtet. Die jüdischen Mitbürger mussten ihre Heimatstädte verlassen und wurden deportiert. Da die für das Packen zur Verfügung gestellte Zeit bei vielen recht knapp war und die verursachte Aufregung ein überlegtes Handeln unmöglich machte, war das mitgenommene Gut unzureichend, was sich bei den schwierigen Haftbedingungen als verhängnisvoll erweisen sollte.
Eugen Neter begleitete die Mannheimer Juden, die deportiert wurden, freiwillig, da er mit einer Christin verheiratet war, hätte er in Mannheim bleiben können. Er fühlte sich als Vorsteher der jüdischen Gemeinde für seine Glaubensbrüder verantwortlich und wollte sie nicht alleine diesen schweren Weg gehen lassen. Eugen Neter berichtet über diesen tragischen Tag selbst: ,,Gegen 1 Uhr verließ ich die mir in Freud und Leid liebgewordenen Räume …. Ich schloß als letzter die Tür.”
Kurz und ohne Verbitterung berichtet er als alter Mann über sein Schicksal während des Zweiten Weltkriegs: ,, Dann kamen 5 Jahre Konzentrationslager (K.Z.); ich habe sie gesund ueberstanden.”

Eugen Neter wurde wie all die anderen Juden aus Baden ins Lager Gurs gebracht. Dort entwickelte er sich zum Retter vieler Kranker, er stand allen Notleidenden als Arzt und Helfer zur Seite. Das Lager Gurs, am Fuße der Pyrenäen nahe der spanischen Grenze, war das größte Internierungslager in Frankreich und beherbergte etwa 14.000 Häftlinge. Der ständige Hunger, das Fehlen der ärztlichen Versorgung, der Mangel an Kleidung und Hygiene machten das Leben in dem Lager zur Hölle, wie die Überlebendenden in zahlreichen Dokumentationen berichten. ,,Die katastrophalen Ernährungs- und Lebensverhältnisse führten dazu, daß vor allem ältere Menschen vor Schwäche nicht mehr aufstehen konnten und krank wurden,” gibt einer der Inhaftierten nach Ende des Krieges zu Protokoll.
Die Unterernährung und die Kälte werden zur Hauptursache der großen Zahl der Erkrankungen.

Unter schwierigsten Bedingungen gelingt es Eugen Neter, eine Krankenstation aufzubauen und zumindest notdürftig für die Kranken zu sorgen. ,,Die Krankenbaracken waren bald zu klein, um die Patienten aufzunehmen, und so starben viele in der traurigen Umgebung primitiver Hilfsreviere,” erfahren wir aus den Augenzeugenberichten über die Bemühungen der dortigen Ärzte und Helfer.
Der folgenschwere Mangel an Arznei, Pflegemitteln, Nahrung und Diät wird von Dr. Eugen Neter bei der Lagerleitung vorgebracht. Sein nüchterner Bericht über die Verhältnisse in Gurs macht beklommen und lässt das tiefe Elend der Lagerinsassen nur erahnen: ,,In den kalten Behelfsbaracken mit 30 bis 40 Durchfallkranken ist eine einzige Bettschüssel. Furchtbar war die Beschmutzung bei dem Mangel an ._ Wäsche, unsagbar die dadurch körperlich und seelisch verursachte Qual. Was jüdische Schwestern und Helferinnen damals geleistet haben, kann voll nur würdigen, wer die ungünstigen Verhältnisse miterlebt hat, unter denen sie damals ihren schweren Dienst antreten mußten. In jenen drei Monaten starben ungefähr weit über 600 Männer und Frauen. Viele starben in den ersten Monaten ohne nachweisliche Erkrankung; das Herz, der ganze Körper ertrug die Umstellung nicht und versagte. Ebenso der Lebenswille, der gebrochen war durch das Furchtbare der neuen, unerträglichen Umgebung.” Neter berichtet weiter von den engen Wohnbedingungen in dünnwandigen, überfüllten, bis 65 Menschen beherbergenden Baracken, im Winter vereist und dunkel, im Sommer glühend, die zu Beginn im Regen zu unvorstellbarem Morast gewordenen Wege, die fürchterliche Qual der Pfade zu der notwendigen Benutzung der Latrinen.
Der ruhrartigen Darmerkrankung zu Anfang und Mitte des Winters 1940/41 folgte gegen dessen Ende eine epidemische Gehirnhautentzündung, die weitere zahlreiche Todesopfer forderte, so dass nach viereinhalb Monaten die Zahl der Toten auf 1.050 gestiegen war.
Von den Mitgefangenen ist in zahlreichen Berichten der aufopfernde Einsatz des Gernsbachers überliefert.
„Sein Wirken unter jenen Bedingungen, ohne offiziellen Status, sondern der moralischen Autorität gehorchend, wurde für viele zum rettenden Beispiel”, wird später in einer Veröffentlichung über das Lager Gurs geschrieben. Neter selbst berichtet: ,,Die anfänglichen Mißstände auf gesundheitlichem Gebiet wirkten sich verhängnisvoll aus. Die Monate November/Dezember 1940 und Januar 1941 sahen ein grausames Massensterben … Meine Arbeit geht hier weiter. Bei allen materiellen und seelischen Unzulänglichkeiten ist meine Arbeit nicht undankbar, so daß ich meinerseits dem Schicksal danke, daß es mir eine solche Arbeitsmöglichkeit gewährt hat.” Möglichkeiten, das Lager zu verlassen, z.B. als Leiter eines Altersheimes in Frankreich, nahm er nicht wahr: ,,Ich bin ja schließlich nicht ins Exil gegangen, um in einer solchen Stellung leben zu können, während meine Gemeinde in den kalten Baracken hungernd hinter dem Stacheldraht jede sorgende Hand braucht.” Im August 1942 war die Zahl der Internierten auf kanpp 1.000 zurückgegangen. Neter berichtet: ,,Von den einstigen Baden-Pfälzern sind nur noch ganz wenige hier …. Die einstige Hölle hat viel von ihrem Schrecken verloren; geblieben ist: der Hunger und der Stacheldraht.”

Dr. Eugen Neter 1956. Quelle: Stadtarchiv Mannheim
1945 endet der Schrecken von Gurs, der Sohn Eugen Neters holt ihn nach Israel. 1946, immerhin bereits 70 Jahre alt, ziehen Eugen Neter und seine Frau zu ihrem Sohn nach Deganiah, Israel. Dort verbringt er die nächsten 20 Lebensjahre. Er wollte sich zur Ruhe setzen, doch das Schicksal entschied anders.
1948, während des 1. israelisch-arabischen Krieges, des israelischen Unabhängigkeitskrieges, stellte er sich nochmals als Arzt zur Verfügung, Deganiah wurde zur Frontstadt. Tief getroffen von dem kämpferischen Einsatz der israelitischen Jugend musste er während der Hilfsdienste bekennen: ,,Das ist der Dritte Krieg in meinem Leben. Solch eine Jugend habe ich noch nie gesehen.” Kurz darauf starb sein Sohn, der sich ebenfalls aktiv an den Kämpfen beteiligt hatte, als Opfer dieses Krieges. Kurz darauf starb seine Frau. Da zog sich Eugen Neter völlig zurück und widmete sich ganz seinem Hühnerhof in Deganiah, hoch über dem See Genezareth.
1960 erschienen Auszüge aus einem Brief Neters im Badischen Tagblatt. Er hatte wieder Beziehungen zu seiner Geburtsstadt aufgenommen. Es war erstaunlich, wie sehr er sich an die Nachbarn rund um den Marktplatz, die Lehrer den Gendarm, an die Geschäftsleute und Handwerker mit all ihren Namen erinnern konnte. 1961 schrieb Eugen Neter im Alter von 85 Jahren in einem Brief: ,,Nun kann ich nicht mehr allzuviel leisten, habe hier im Kibbuz die Hühner und Bienen zu hüten. Auf meiner Sitzbank am Jordan gehen meine Gedanken oft in die Heimat zurück und ich höre sogar die Murg rauschen.”
Als Eugen Neter 1966 starb, schrieb sein Freund aus den Kindertagen, Hermann Maas, einen Nachruf, der unter anderem in der RheinNeckar-Zeitung erschien und indem er sowohl Neters berufliches als auch vor allem menschliches Wirken würdigt und dem Wissen um die menschliche Größe Neters Ausdruck gibt.
Heute erinnert die Eugen-Neter-Schule in Mannheim, im Stadtteil Blumenau, an diesen herausragenden Arzt und mutigen Mann. Seiner aufopfernden Haltung und seiner Zivilcourage wurden damit ein bleibendes Denkmal gesetzt. An seiner ehemaligen Praxis in Mannheim ist eine Gedenktafel angebracht.

Auch die Schwester Eugen Neters verdient unsere Bewunderung dank ihrer unerschrockenen Haltung während des Zweiten Weltkriegs. Amalie Neter wurde 1873 in Gernsbach geboren. 1897 heiratet sie Ernst Behr und zieht mit ihm nach Mannheim. 1940 wird sie mit den badischen und pfälzischen Juden nach Gurs deportiert. Ihr Bruder Eugen berichtet später, dass sie bald den Beinamen „Mutter Behr” erhalten hatte und schnell zu einem „Quell der Aufmunterung und Aufrichtung” für die übrigen Gefangenen wurde. Die resolute Frau, die auch angesichts des Elends und Sterbens in Gurs nie ihr seelisches Gleichgewicht verlor, starb plötzlich am 27. November 1940.

Die Geschichte der Familie Neter endet bereits Anfang dieses Jahrhunderts in Gernsbach. Die Eltern Eli und Auguste Neter waren verstorben, die Kinder hatten durch Studium und Beruf ihren Wohnsitz in andere Städte verlegt, bis sie die Verfolgung durch die Nazis nochmals in alle Himmelsrichtungen zerstreute. So sind die Relikte, die von der Familie Neter in Gernsbach vorhanden sind, rar. Eines davon ist die eingangs erwähnte Neter-Hütte inmitten des Waldes in Richtung Kieferscheid stehend. Sie wurde von den Kindern für die Eltern Eli und Auguste Neter errichtet, da sie der Wanderidee innig verbunden waren.

Regina Meier

Literatur:
Hundsnurscher, Franz: Die jüdischen Gemeinden in Baden. 1968

Die Judenverfolgung in Mannheim. 1933-1945

Mittag, Gabriele: Es gibt Verdammte nur in Gurs. 1996

Friedericke Siek: Eugen Neter – Ein Beitrag zur pädagogischen Aufgabe des Kinderarztes, InauguralDissertation. 1988

Oskar Althausen: Oktoberdeportation 1940. 1990 International Biographical Dictionary of Central European Emigres 1933-1944

Obst, Johannes: Gurs. 1986

Schadt, Jörn/Caroli, Michael: Mannheim unter der Diktatur. 1997

Becker, Barbara (Hrsg.): Mannheim im Zweiten Weltkrieg – ein Bildband. 1993

Neter, Dr. med Eugen: Muttersorgen und Mutterfreuden : Wie erhalten wir unsere kleinen Kinder gesund? : Ratschläge für die junge Frau, Mannheim 1907

Neter, Walter: Der Geigenkasten und andere Novellen. 1917

Der Artikel erschien im Gernsbacher Boten, Ausgabe 3/1998 , verändert durch kleinere Aktualisierungen im Januar 2021. Daher ist auch nur die Literatur bis 1998 aufgeführt. Die Recherchen zur Familie Neter sind seit Erscheinen dieses Artikels weitergeführt worden und werden in einem Beitrag 2021 veröffentlicht werden.

Erste Ergänzung: 2012 wurde für ihn ein Stolperstein vor dem Fröbelseminar (Helene-Lange-Schule), der langjährigen Wirkungsstätte von Dr. Neter, verlegt.

Ein neuerer Beitrag über Eugen Neter wurde veröffentlicht in Baden-Württembergischen Biographien, BWB4, 245ff., 2007 von Andrea Hoffend

Einer der ältesten Buslinien Baden-Württembergs

Mit dem Bus nach Baden-Baden

Mit den neuen Fahrplänen zur Buslinie Gernsbach – Baden-Baden beginnt eine neue Ära im öffentlichen Nahverkehr zwischen den beiden Städten. Eigentlich hätte bereits Mitte Dezember die weitreichende Umstellung kommen sollen, doch aufgrund der Sperrungen in Loffenau wegen der Fahrbahnerneuerung treten die Änderungen erst Ende Februar 2022 in Kraft.

Hintergrund ist eine Neuordnung des Bus-Liniennetzes im vorderen Murgtal. Zukünftig wird es eine Linie X44 geben, die die Strecke Bad Herrenalb – Loffenau – Gernsbach – Selbach – Baden-Baden – Varnhalt – Steinbach – Bühl bedient und im täglichen Stundentakt von 5 Uhr am Morgen (Samstag ab 6 Uhr und Sonntag ab 7 Uhr) bis 23 Uhr verkehrt. Für den Busverkehr von Gernsbach nach Baden-Baden wird damit nach den zahlreichen Veränderungen  im Laufe der Geschichte eine neues Kapitel eröffnet. 

Blickt man zurück in die Vergangenheit, so kann man auf über 116 Jahre regelmäßigen Busverkehr zwischen Gernsbach und Baden-Baden blicken. Damit gehört die Busverbindung nach Baden-Baden zu den ältesten Buslinien Baden-Württembergs. Bereits 1905 hatte sich eine private „Automobilverkehr Gernsbach GmbH“ gebildet, mit dem Ziel, Kurgäste von Gernsbach nach Baden-Baden zu fahren. Es wurde eine Automobilverkehr Gernsbach GmbH gegründet. Zu dem Aufsichtsrat  gehörten Karl Max Clemm als 1. Vorsitzender, Bürgermeister Oskar Jung als Stellvertreter, außerdem Kaufmann Heinrich Popp, Bankier Gustav Dreyfuß und Hotelier Carl Brude. Zum Geschäftsführer wurde Friedrich Schmelzle gewählt. 

Am 11. Juni 1905 war es soweit: der neu gelieferte  Wagen der Süddeutschen Automobilfabrik Gaggenau mit zehn Sitzplätzen fuhr erstmals von der Haltestelle Hofstätte aus nach Baden-Baden. Laut des ersten Fahrplans konnte man zu fünf Uhrzeiten zwischen 7.35 Uhr und 19.40 Uhr nach Baden-Baden fahren, außerdem mittwochs sowie an Sonn- und Feiertagen noch um 23 Uhr. Die Gäste kamen zahlreich. Man forderte sogar Platzkarten und wünschte sich einen Schaffner, der für Ordnung sorgen sollte. Allerdings legte die Verbindung über die Wintermonate eine Pause ein.

Bereits im September 1905 wurden die Marke von 1000-Fahrten geknackt. In einem Artikel im „Murgtäler – Gernsbacher Boten“ vom 19. September 1905 ist zu lesen: „Die 1000. Fahrt hat am letzten Sonntag das Automobil Gernsbach – Baden-Baden über den Berg gemacht. Die gemäßigte Fahrt dieses Wagens hat wohl allgemein Anerkennung gefunden, und es ist deshalb auch bemerkenswert, daß sämtliche  Fahrten, die das Auto unternahm, ohne jeden Unfall geschehen konnten. Der äußerst umsichtige Chauffeur vermied auf das peinlichste alles, was für Nicht-Autler unangenehm ist. Insbesondere ist die Überwindung der Töff-Töff-Krankheit anzuerkennen, von welcher die meistern Schnauferl-Menschen befallen werden, sobald sie das Vehikel besteigen.“  Weitere Ausführungen, wie sich diese  „Töff-Töff-Krankheit“ bemerkbar machte, fehlen in dem Zeitungsartikel.

Der „Betrieb von Fahrten mittels Motorwagen zwecks Beförderung von Personen und Gepäck“, wie die Gesellschaft ihren Geschäftsgegenstand ins Handelsregister eingetragen ließ, dehnte ihre Betätigung bald auch auf andere Routen aus, so auch Richtung Bad Wildbad und nach Freudenstadt. Außerdem wurden auch Sonderfahrten veranstaltet, auch nach Ötigheim zu den Volksschauspielen oder nach Straßburg. Die Linie florierte und die Gesellschaft konnte sogar eine Dividende auszahlen. Allerdings bedeutete der Erste Weltkrieg auch hier einen radikalen Einschnitt in die Entwicklung.  Nach dem Krieg begann die Automobilverkehr Gernsbach GmbH, in bescheidenem Maße ihre Verbindungen aufzunehmen, doch die Zeit der privaten Gesellschaften, die einzelne Linien unterhielten, war vorbei. 1926 übernahm die Reichspost die Buslinie nach Baden-Baden und wurde in eine Kraftpostlinie überführt. Bis 1983 verkehrte die Linie als Postbuslinie und danach als Bahnbuslinie. Die Busverbindungen von Gernsbach nach Schloss Eberstein wurden noch lange Jahre aufrechterhalten. Bis Mitte der 1970er Jahre gab es einzelne Fahrten über die enge, kurvenreiche Straße zum Schloss Eberstein.1989 wechselte der Betreiber durch Umstrukturierungen bei der Bundesbahn von “Bahnbus Nordschwarzwald-Südpfalz” zu “Regionalbusverkehr Südwest – Südwestbus”.
Eine völlige Veränderung der Fahrpläne und -routen trat 2002 in Kraft. Zur Eröffnung der Stadtbahn im Murgtal wurde der Fahrplan im Juni 2002 komplett neu gestaltet. Danach wurde ein Stundentakt (mit einem Halbstundentakt in der Hauptverkehrszeit) eingeführt. Gleichzeitig wurden die Fahrten über Lichtental und dem Müllenbild mit Halt an der Stadthalle eingestellt. Dabei ist zu ergänzen, dass es zuvor nur noch eine Fahrt je Richtung an Samstag und Sonntag gab. Gleichzeitig wurde auch die  Haltestelle „Gernsbach Schoeller & Hoesch“ gestrichen, denn die gesamte Bahnbuslinie parallel zur Murgtalbahn wurde eingestellt. Viele aus dem hinteren Murgtal erinnern sich gerne an diese einstige Busverbindung. Denn die Buslinie lief länger als die Zugverbindung, so dass zum Beispiel nach einem Kinobesuch in Gernsbach immer noch eine Heimfahrt murgtalaufwärts mit dem – im Volksmund genannten – „Lumpensammler“ möglich war.

Die Kürzungen der Bus-Haltestellen im Stadtgebiet gingen weiter: zu Ende 2002 entfiel die Haltestelle “Gernsbach Storchenturm”. Letztlich wurde auch die Haltestelle “Gernsbach Hofstätte” gestrichen. Sie wurde Ende Mai 2006 zum letzten Mal angefahren. Grund waren die beengten Verkehrsverhältnisse in der Gernsbacher Altstadt. Allerdings wollten nicht alle Gernsbacher dies unwidersprochen hinnehmen: so gestalteten die Bleichhexen ihr Fasentmotto in 2006 und boten mit ihrem „Hexenblitz“ eine rasante Ersatzfahrt an.  

Wenn nun in der Neuregelung der Busverbindungen im vorderen Murgtal der neue Busfahrplan im kommenden Jahr eingeführt wird, beginnt damit auch ein neues Kapitel der Verbindung Gernsbach – Baden-Baden. Und neue Fahrzeuge wird es ebenfalls geben: Die eingesetzten Fahrzeuge im Landesdesign „bwegt“ verfügen auch über  WLAN und USB-Steckdosen. Man darf auf die neuen Entwicklungen gespannt sein.  

 

Regina Meier

Dieser Beitrag erschien im “Gernsbacher Boten” 4/2021 im Casimir Katz Verlag am 23. November 2021

Quellen

Kreisarchiv Rastatt, Stadtarchiv Gernsbach

KVV-Pressemeldungen 2021

 

Fotos:

Um 1950 trafen sich am Bahnhof Gernsbach die Murgtal-Busse (vorne) und die Kraftpostlinie (hinteres Haubenfahrzeug) nach Baden-Baden. Foto Stadtarchiv Gernsbach

 

Auf der Hofstätte machten die Busse nach Baden-Baden Halt, hier eine der ersten Aufnahmen um 1910. Foto: Stadtarchiv Gernsbach

 

2006 wurde die Haltestelle Hofstätte letztmals angefahren, die Bleichhexen griffen dies in ihrem Fasentmotto plakativ auf. Foto: Meier

 

Am Verkehrspavillon an der Stadtbrücke startete so manche Ausflugsfahrt mit dem Bus. Hier der „Ebersteiner“ bei einer Sonderfahrt zum Mummelsee. Foto: Weiser

 

Eine alte Aufnahme zeigt ein Stopp bei der Fahrt nach Baden-Baden. Foto: Stadtarchiv Gernsbach