Großbaustelle Liebfrauenkirche

Kirchenrenovation verläuft planmäßig

50 Jahre nach der umwälzenden Renovierung der Liebfrauenkirche steht in diesem Jahr eine Sanierung im Kircheninnern und des Dachtragewerks an. Zu Beginn dieses Jahres entwickelte sich das Innere des Gernsbacher Gotteshauses zu einer Großbaustelle. Die Maßnahmen sehen nicht nur einen kompletten Anstrich der Wände und des Gewölbes vor. Vielmehr sind wesentliche Reparaturen im Dachtragwerk notwendig: Zimmerleute und Steinmetze sind seit Wochen mit den Ausbesserungen in der Dachkonstruktion beschäftigt.

Seit Mitte Januar 2020 die Kirche für Gottesdienste und Besucher gesperrt. Abgesehen von den Unregelmäßigkeiten durch die Corona-Krise weichen die Gemeindemitglieder seit Jahresbeginn auf die umliegenden Kirchen der Seelsorgeeinheit aus. Außerdem finden in Abstimmung mit der evangelischen St. Jakobsgemeinde katholische Gottesdienste in der St. Jakobskirche statt.
Insgesamt sind 18 Firmen in der Renovierung eingebunden, dabei handelt es sich um Handwerker vor Ort, aber auch Spezialfirmen von Heidelberg über Karlsruhe bis Triberg. Bauherr Dekan Josef Rösch hat mit die überwachenden und koordinierenden Arbeiten an Architekt Bernd Wörner, Langenbrand, übertragen. Sie können auf ein erfahrenes Team zurückgreifen, da erst vor wenigen Jahren eine umfassende Innenrenovierung der Obertsroter Kirche Herz Jesu erfolgte. Die Entscheidungen erfolgen In enger Zusammenarbeit mit Architekt Hartmut Herold vom erzbischöflichen Bauamt.

Die geplante Renovierung sollte zum Ende des Sommers abgeschlossen werden. Bisher verlaufen die Arbeiten nach Plan. Die Bauhandwerker waren durch die Einschränkungen der Corona-Pandemie wenig beeinträchtigt. Sie konnten im dem weitläufigen Dach und Kreuzgewölben ungehindert arbeiten. Schwieriger waren allerdings die Absprachen mit Architekt und Behörden. Denn da waren Reisebeschränkungen für eine unkomplizierte Kommunikation hinderlich.
Gigantisches Gerüst
Den Auftakt für die Renovierungsarbeiten gestalteten die Gerüstbauer. Bevor das mehrere hundert Meter lange und 14 Meter hohe Gerüst montiert wurden, wurden Orgel, Altar und die Glasfenster sorgfältig geschützt. In knapp vier Wochen wurde das gesamte Kircheninnere mit einem imposanten Arbeitsgerüst gefüllt. Auf sechs Gerüst-Etagen sind nun alle Bereiche des Kircheninneren zugänglich. Die Gemeindemitglieder konnten sich in einer Baustellen-Besichtigung Mitte Juni ein Bild von dem gigantischen Gerüst machen. Letztlich musste noch ein zusätzliches Außengerüst angebracht werden, damit die Holzlieferungen über das Dach erfolgen konnten.

Risse im Wandmauerwerk
Seit langem laufen die Planungen der Dachtragwerkssanierung. Über Monate hinweg wurden die Rissbildungen im Wandmauerwerk beobachtet. Die Kirchenbesucher konnten die Messpunkte im Kircheninnern deutlich erkennen. Das Büro für Baukonstruktion, Karlsruhe, legte danach ein detailliertes Gutachten über den statisch-konstruktiven Zustand des Dachtragwerks der Liebfrauenkirche vor und listete nicht nur die Befunde auf, sondern formulierte auch die Instandsetzungsempfehlungen. Ziel ist es nach Abschluss der Arbeiten, die ungünstige Lastabtragung des Dachtragwerks auf die Außenmauern zu beseitigen und neue Sicherheiten im Traggefüge zu schaffen.

Zimmerleute sind gefragt
Nach den Gerüstbauern folgten sogleich die Zimmerleute, die seit März mit dem Austausch der morschen Balken und Kanthölzer, beschäftigt sind. Erst im Verlauf der Arbeiten stellten die Zimmerer die tatsächlichen Schäden im Gebälk fest. Dabei stellten sie Unterschiede zwischen dem alten Teil der Kirche aus dem 14. Jahrhundert und der Erweiterung des Kirchenschiffes aus dem 19. Jahrhundert fest. Doch bevor sie das Auswechseln der schadhaften Balken vornehmen konnten, mussten sie zuerst Stege bauen, um die außenliegenden Stellen zu erreichen.
Zimmerermeister Dominik Schneider mit den beiden Mitarbeiter von Zimmerei Markus Fetzer, Gaggenau, mussten alle Register der Zimmermannskunst ziehen, um die diffizilen Arbeiten im Gebälk durchzuführen. Blattverbindungen mussten repariert und Mängel an den Sparrenfußpunkten beseitigt werden. Mauerschwellen, die zur Verteilung der Lasten entlang der Mauerkrone dienen, wurden zum Teil erneuert. Balkenköpfe mussten neu eingebaut und mittels Schrägverschraubung gesichert werden. Dabei mussten die Handwerker hoch oben in dem dreistöckigen Dachgeschoss so manche knifflige Situation lösen.

Unvorhergesehenes für Steinmetze
Die geplanten Steinmetzarbeiten konnten bereits Mitte Mai abgeschlossen werden. Sie umfassten die Aufbereitung der Risse im Mauerwerk, damit diese denkmalgerecht geschlossen werden können. Dies war eine staubintensive Arbeit, die von Steinmetzbetrieb Bernhard Binder, Gaggenau, ausgeführt wurden. Die statischen und baulich bedingten Risse wurden bis auf das Mauerwerk geöffnet. Dabei drangen die Steinmetze in den Unterbau des Mauerwerks vor und konnten gut den Unterschied der alten Kirche aus dem 14. Jahrhundert zu dem im 19. Jahrhundert erfolgten Erweiterungsbau ablesen. Wurden im alten Teil unterschiedliche Bruchsteine verwandt, so finden sich im Anbau viele Ziegelstücke und Backsteine.

Unvorhergesehene Arbeiten fielen im Gewölbe des Kircheninneren an. Der erste Schrecken, nachdem die Gefahr des Absenkens des Gewölbes festgestellt wurde, legte sich nach der genauen Schadensanalyse. Allerdings musste das Steinmetzunternehmen in die Schatzkiste ihres Fachwissens greifen. Die sandsteinernen Gewölberippen wurden durch Metallgewindestangen nach oben hin gesichert. Dazu wurden die Gewölberippen aufgebohrt, die Gewindestangen eingefügt und mit einer Mutter gegen eine Metallplatte auf dem gemauerten Gewölbe verschraubt.
Auf dem Gewölbe wurden Platten einbetoniert, um die Last gleichmäßig zu verteilen. Somit wurden sie gegeneinander verbunden und die Festigkeit wieder hergestellt. Besondere Aufmerksamkeit ließen die Steinmetze beim Kürzen der überstehenden Gewindestangen walten: sie wurden mit Hydraulikdruck abgequetscht, ein Flexen wäre wegen des Funkenflugs zu gefährlich gewesen.

Gewerke im Kostenrahmen
Die Sanierung ist mit einem Kostenrahmen von 910.000 Euro angesetzt. Die Erzdiözese trägt 230.000 Euro der Kosten, eine Kreditaufnahme von 300.000 Euro ist genehmigt. Den Rest muss die Kirchengemeinde aufbringen. Dabei ist man auch auf Spenden angewiesen. Nur die dafür angedachten Aktionen wurden durch die Corona-Krise gebremst. Geplante Baustellenführungen mussten ebenso ad acta gelegt werden. Bislang gab es nur wenige unvorhergesehene Verzögerungen oder Kostenveränderungen.
Eigenleistungen der Gemeinde sind nur in geringem Maße möglich. Lediglich bei den vorbereitenden Arbeiten wurden die Gemeindemitglieder aktiv. Das Ausräumen der Kirche gehörte dazu. Dank der Gerüsttechnik mussten die Bänke nicht entfernt werden, es genügte ein Abdecken der Bänke, um sie vor Baustaub und Malerarbeiten zu schützen.

Neue Lichtgestaltung
Eine wesentliche Veränderung, die nach der Renovierung den Kirchenbesuchern auffallen wird, betrifft die Lichtgestaltung in der Kirche. Der Altarbereich, aber auch die Eingangsbereiche wie die markanten Punkte der Kirche werden mit neuen Leuchten besser ausgeleuchtet. Dabei werden die bisher bestehenden Elemente beibehalten, allerdings durch moderne Leuchtkörper und energiesparendere Varianten ersetzt. Die Umstellung ist auf LED-Leuchten und Programmierung von Licht-Szenarien geplant.
Außerdem wird die gesamte Verkabelung erneuert. Allein im Kirchenschiff wurden dazu über 800 Meter neue Kabel verlegt. Die alten Kabel wurden aus Sicherheitsgründen weitestgehend entfernt und zusätzliche Brandschutzeinrichtungen installiert. Gleich zu Beginn der Renovierung wurden die Schlitze für Kabel gefräst und werden nach dem Verputzen nicht mehr erkannt werden.

Malerarbeiten zum Schluss
Die letzten Arbeiten werden durch die Maler ausgeführt. Insgesamt 1940 Quadratmeter Wandfläche müssen gereinigt und die neue Farbe aufgetragen werden. Feine Risse haben sich im Laufe der vergangenen 50 Jahren im Gewölbe gebildet. In diesem feinen Rissnetz hat sich Schmutz einlagert, was die Risse optisch stärker hervortreten lässt. Mit Unterstützung von Restauratoren wird nun in einem Trocken-Reinigungsverfahren diese optische Beeinträchtigung behoben. Dank des sechs-stöckigen Gerüstes werden die Maler selbst die entlegensten Winkel der Gewölbedecke erreichen.

Arbeitskreis Renovation gebildet

Der Arbeitskreis Renovation der Liebfrauenkirche musste sich in den Corona-Zeiten besonderen Herausforderungen stellen.

Im Zuge der Sanierungsarbeiten hat sich ein Arbeitskreis Renovation in der Gernsbacher Seelsorgeeinheit gebildet. 15 Mitglieder aus der Liebfrauengemeinde trafen sich seit Beginn des Jahres, um zu einzelnen Themen Anregungen und Wünsche der Gemeinde an Architekt und Bauträger einzubringen. So wurden beispielhafte Lichtkonzepte anderer Gotteshäuser vor Ort begutachtet, wie auch Ideen für eine Umgestaltung des Seitenschiffes diskutiert. Vorschläge für eine Veränderung des Taufbereichs und eines Andachtsraums sowie einen barrierefreien Zugang zu dem Kerzenständer legte bereits im vergangenen Jahr das Gemeindeteam der Liebfrauengemeinde vor.
Waren zu Beginn des Jahres noch Treffen des Arbeitskreises möglich, so verständigte man sich seit März 2020 im E-Mail-Verkehr. Zur Präsentation des Lichtkonzepts traf sich das Gremium im Mai in der Kirche, allerdings mit den gebotenen Abstandsregeln.

Aufmerksamkeit für Fledermäuse

Für die Fledermäuse wurden besondere Vorkehrungen getroffen.

Der Terminplan der Bauarbeiten ist mit Rücksicht auf die Fledermäuse ausgerichtet. In Dachstuhl und Kirchturm findet sich seit vielen Jahren die heimische Fledermausart Graues Langohr, die als streng geschützt vom Bundesnaturschutzgesetz eingestuft wird. Für diese gelten besondere Schutzrichtlinien, die in dem Bauzeitenplan berücksichtigt wurden. Die Pfarrgemeinde hatte damit ja bereits bei der Sanierung der Klingelkapelle Erfahrung und konnte auf die gute Zusammenarbeit mit den Fledermausexperten zurückgreifen. In der Klingelkapelle wurde zwischenzeitlich dank der Vorkehrungen sogar ein Wachstum der Fledermaus-Kolonie festgestellt. In der Liebfrauenkirche betreten die Zimmerleute und Steinmetze seit April nicht mehr den Turm, der Zugang zum Dachstuhl ist nur über ein Außengerüst möglich. Zwischen Dachstuhl und Turm wurden verbesserte Durchflug- und neue Quartiermöglichkeiten für die nachtaktiven Tiere geschaffen.
Die nistenden Falken im Kirchturm ließen sich von dem umtriebigen Arbeiten der Zimmerleute und Steinmetze nicht beirren. Sie bezogen wie gewohnt zu Jahresbeginn ihren Nistkasten und ziehen ihre Jungen auf. Eine der Maßnahmen im Dachbereich der Kirche betraf auch das Entfernen der Kotspuren der Tauben. Die Verschmutzungen, die auch Holzschädlinge mit transportieren können, wurden entfernt.

Denkmalschutz großgeschrieben
In enger Abstimmung mit der Denkmalschutzbehörde wurden die einzelnen Maßnahmen durchgeführt. Dabei geht es nicht nur um die adäquate Sicherung der Gewölberippen, sondern auch um die denkmalgerechte Behandlung der Gewölbe- und Sandsteinflächen wie auch der Kunstwerke.
Die historischen Heiligenfiguren und die zentrale Pieta befinden sich bereits seit Jahresanfang bereits in der Restauratorenwerkstatt. Dort werden sie gereinigt und konservatorisch behandelt.

Die früheren Renovierungen
Die letzte umfangreiche Renovierung der Liebfrauenkirche liegt bereits 50 Jahre zurück. Damals wurde das komplette Kircheninnere verändert. Der hölzerne Hochaltar wurde entfernt und die alte Bemalung in dem alten Teil der Kirche wieder freigelegt, außerdem auf den „neuen“ Teil übertragen. Dabei verschwanden die im 19. Jahrhundert angebrachten Gemälde komplett. Die Bänke wurden erneuert, Kanzel und Seitenaltäre wurden abgebaut. An das völlig andere Aussehen des Kircheninnern musste sich die Gemeinde damals erst gewöhnen. Eine weitere Renovierung erfolgte 1996. Damals wurde das Dach der Kirche neu gedeckt, der Wetterhahn neu ausgerichtet und das Turmkreuz repariert.

Für die Liebfrauengemeinde geht nach den letzten Arbeiten eine lange Phase zu Ende, in denen sie nicht in ihrer gewohnten Umgebung ihren Gottesdienst feiern konnten. Noch steht ein Termin der feierlichen Eröffnung der neu renovierten Kirche nicht fest, doch sind die Verantwortlichen zuversichtlich – wenn keine unvorhergesehene Überraschungen mehr auftauchen – dass das Patrozinium am 4. Oktober 2020 schon in renovierten Liebfrauenkirche stattfinden kann.

Regina Meier

Die Fotos wurden von Werner Meier im Zeitraum zwischen Januar und Juni 2020 gemacht.

Dieser Beitrag erschien im “Gernsbacher Boten” 2/2020 im Casimir Katz Verlag am 30. Juni 2020

„Kein Beschuss, kein Alarm mehr“

Das Ende des Zweiten Weltkriegs in Gernsbach – Teil 2

Das Ende des Zweiten Weltkriegs bahnte sich in Gernsbach in den ersten April-Tagen an. Bereits im vergangenen Gernsbacher Boten 1/2020 vom 31. März 2020 wurden die Monate vor dem Einmarsch der Franzosen 1945 beschrieben. Aufbauend auf den Veröffentlichungen von 1995 anlässlich der 50. Wiederkehr des Kriegsende wurde dieser Rückblick ergänzt durch weitere Zeitzeugenberichte. Diese finden sich in Tagebüchern, die von Gernsbachern in jenen Tagen geschrieben wurden und an die Nachfahren weitergegeben wurden. Auszüge daraus werden hiermit erstmals für eine Veröffentlichung freigegeben. Auch der „Kriegsbericht“, den der katholische Pfarrer Ernst Bernauer zur Berichterstattung an die Erzdiözese in Freiburg verfasste, gibt Aufschluss über die Situation vor Ort im April 1945.

Die Front rückte immer näher, die Fliegerangriffe verbreiteten Angst und Schrecken. Ständig fanden Luftangriffe statt, die Bevölkerung musste immer häufiger die Keller und Luftschutz-Einrichtungen aufsuchen. Als die Nachricht von der Einnahme Karlsruhes bekannt wurde, war klar, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis die Franzosen auch in Gernsbach ankamen.

„Die Besetzung war noch in der Nacht vom 11./12. April 1945 zu erwarten, da die französischen Truppen bereits in Loffenau waren, wo selbst einige Häuser brannten. Auch aus Michelbach war ihr Anrücken gemeldet“, veröffentlicht Wilhelm von Müller im „Murgtäler Boten“.

Detaillierte Kriegstagebücher

In der Darstellung des französischen Militärs nimmt Gernsbach eine untergeordnete Rolle ein. Nach den vielen Orten, die sie nach der Rheinüberquerung und der Einnahme Karlsruhes auf ihrem Marsch nach Freudenstadt einnehmen mussten, spielte Gernsbach keine zentrale Rolle.

Auf dem Kaltenbronn hatten sich deutsche Soldaten bei der Kreuzlehütte postiert und leisteten den anrückenden französischen Truppen Widerstand. Dabei kamen zwölf deutsche Soldaten ums Leben. Der Zug der französischen Armee konnte nicht aufgehalten werden, wie Hubert Intlekofer in seinem Buch „Geschichte des Kaltenbronn“ festhält. „Gegen Euyachmühle und Dürreychof wird die Front von den Einheiten der 257. VGD (Volksgrenadier-Division – Anm.) gehalten“, findet sich im Kriegstagebuch der 19. deutschen Armee, März-April 1945, das den Kriegsverlauf im Oberrheingebiet detailliert beschreibt.

Vier Jahre später veröffentlichte der General Jean de Lattre de Tassigny, der als Oberkommandierender der 1. französischen Armee den Angriff in Südwestdeutschland befehligte, eine ausführliche Darstellung der Angriffe aus französischer Sicht. Darin werden auch die Bewegungen im Murgtal festgehalten. Darin beschreibt er auch, wie marokkanischen Einheiten über den Kaltenbronn nach Loffenau marschieren. „Die gegnerischen Truppen kämpfen weiter… Doch ihr Mut kann nichts mehr ausrichten“, hält er fest.

Beim Kampf um Rastatt führt er aus: „Dem Befehl des Führers wird gehorcht und jede Häuserzeile erfordert von uns eine Belagerung“. Die Kämpfe müssen sehr erbittert gewesen sein, denn der General fügt in seinen Bericht die Formulierung in deutscher Sprache ein, dass die Kämpfe „bis zum letzten Mann“ stattfanden. Ähnlich lauten die Eintragungen im deutschen Kriegstagebuch: „Die Besatzung von Rastatt leistet den konzentrischen Feindangriffen in erbitterten Häuserkämpfen hartnäckigen Widerstand.“

Im Kriegstagebuch der 19. deutschen Armee finden sich zu diesen Tagen aufschlussreiche Eintragungen für unsere Region. So ist für den 11. April 1945 vermerkt: „Die 106. J.D. (Jägerdivision Anmerkung), die in der Masse aus Luftwaffen-, Zoll und Volkssturmeinheiten besteht, hat in den letzten Tagen in harten Abwehrkämpfen alle feindlichen Durchbruchsversuche verhindert und dem Feind nur schrittweise Boden überlassen.“ An anderer Stelle ist allerdings auch von den hohen eigenen Ausfällen die Rede und die nüchterne Beurteilung des Ausbildungsstandes der Volkssturmabteilungen, der mit „völlig unzureichend“ beschrieben werden. Die Eintragungen belegen weiter: „Im Laufe der Nacht vom 11./12.4.1945 dringt der Gegner in Btl.stärke mit mindestens 10 Panzern von Osten und Norden in Gernsbach und Scheuern ein und hat damit in diesem Abschnitt das Murgtal erreicht.“

Letzte Zuflucht in den Kellern

In Gernsbach rückten die Franzosen fast ohne Gegenwehr ein. „Am Abend des 11. April begannen drei Batterien kleineren Kalibers, die im Westen des Städtchens aufgestellt waren, in Richtung Loffenau zu schießen. Der Franzose reagierte nicht darauf. Seine Panzer standen schon seit Beginn der Nacht, wie es sich nachher herausstellte, im Osten unmittelbar vor dem Städtchen, aus der Richtung Loffenau kommend“, schreibt Pfarrer Ernst Bernauer in seinem „Kriegsbericht“. „Abends 9.30 Uhr wurden die beiden Brücken über die Murg gesprengt, nachdem der erste französische Panzer schon in Ottenau über die Murg gegangen und bis an das Haus Betesda vorgedrungen war“, schildert Pfarrer Bernauer weiter.

Nach Mitternacht durchkämmten die französischen Einheiten jedes Haus in Gernsbach und öffneten die Keller, in denen die Menschen angsterfüllt saßen.
In dem großen Keller in der Bleichstraße 22, in dem sich nicht nur die Hausbewohner, sondern auch zahlreiche Nachbarn geflüchtet hatten, hielten die Nachtstunden des 11. April 1945 noch eine besondere Dramatik bereit: Dort kam in jener Nacht ein Baby zur Welt.
„Wir waren vor Angst ganz starr, doch als die Soldaten an uns Schokolade verteilten, waren wir wie erlöst, dass diese Angst jetzt ein Ende haben sollte“, erinnern sich Hildegard und Ortrud Walter vom Gasthaus Kreuz in der Bleichstraße.
Leonore Mayer-Katz berichtet: „Auch wir warteten im Keller, bis sich ein französischer Soldat zeigte. Der Krieg hatte uns verschont. Ein gewisses Aufatmen ging durch unsere Reihen, trotz aller Ungewissheit vor der Zukunft. Für mich persönlich bedeutete dieser Augenblick die Hoffnung auf Freiheit und auf ein Wiedersehen mit meinen verschleppten Angehörigen.“ Noch im Mai wird Leonore Mayer-Katz selbst in das Konzentrationslager Theresienstadt fahren und ihre dort inhaftierte Mutter und weitere Baden-Badener heimholen.
Frida Bohnert in der Weinbergstraße hält diese Nacht in einem Tagebuch stichwortartig fest: „Habe Proviant für den Bunker gerichtet, man konnte ja doch nicht schlafen.“

Als die Franzosen von Loffenau her nach Gernsbach einmarschierten, öffneten sie auch den Luftschutzbunker an der Loffenauer Straße. Dort hatten bei dem Alarm vor allem die holländischen Fremdarbeiter Zuflucht gesucht. Die Franzosen schossen mit Maschinenpistolen in den Luftschutzstollen und trafen dabei einen Holländer tödlich, ein anderer wurde verletzt ins Krankenhaus eingeliefert. Noch zwei weitere Todesopfer forderte der Einmarsch der Franzosen: Als längere Zeit kein Schusswechsel mehr zu hören war, machte sich der Gernsbacher Friedrich Lemmermeier auf den Weg vom Badhaus zur Murginsel. Er wollte sehen, was sich beim Murgübergang abspielte. Ganz nahe bei der dortigen Brücke wurde er von den Franzosen erschossen, die in der Dunkelheit der Nacht nicht ausmachen konnten, wer sich ihren Stellungen nähert. Aus den Protokollen jener Tage geht ebenso hervor, dass Margarete Töllich, die aus Köln nach Gernsbach evakuiert worden war, erschossen wurde.

Alle drei Opfer wurden auf dem Katholischen Friedhof beigesetzt, ihre Gräber liegen nebeneinander. Noch heute kann man ihre letzte Ruhestätten besuchen, die regelmäßig gepflegt werden. Auch weitere Gernsbacher Todesopfer des Weltkriegs wurden hier beigesetzt. Gleich daneben findet man auch das Grab des Fremdarbeiters, der beim Forstamt Gernsbach eingesetzt war und im Mai 1944 gestorben war. Der Holzhauer Anastasius Jaskzkowski gehörte zu den insgesamt zehn Waldarbeitern, die im November 1943 für den Winterholzeinschlag dem Forstamt Gernsbach zugewiesen waren. Sie verrichteten Holzfällerarbeiten im Wald von Sulzbach. Zu der Beerdigung ihres Kollegen nahmen die anderen ausländischen Arbeitskräfte teil, wobei es sich zum größten Teil um russische Kriegsgefangene handelte.

Zerstörte Häuser in Gernsbach

Die Situation in Gernsbach am Morgen des 12. April war ernüchternd. Die Häuser in dem Dreieck der oberen Igelbachstraße, der Loffenauer Straße und der Zunftgasse waren weitgehend durch den Artilleriebeschuss und den folgenden Bränden zerstört. Die Einwohner hatten ihr Hab und Gut und ihr Zuhause verloren. Als die Häuser wieder errichtet wurden, wurden sie etwas zurückgesetzt, aufgebaut. Diese versetzte Häuserfront ist heute noch gut zu erkennen.

Auch in der Schlossstraße waren zwei Häuser den Flammen zum Opfer gefallen: die Gebäude der Kupferschmiede Rothengatter waren zerstört. Hubert Schleicher, der 1945 in der Schlossstraße wohnte, musste in den folgenden Tagen helfen, die Schäden zu beseitigen. Er hielt am 2. Mai in seinem Tagebuch fest: „1 Wagen Schutt von Rothengatter abgeführt.“ Auch am 5. und 7. Mai musste er nochmals Trümmer von dem zerstörten Haus Rothengatter entsorgen.
Der Dachstuhl des Restaurants „Laub“ an der Hofstätte war ebenfalls in Brand geraten. Dieses Feuer durfte jedoch durch die Bewohner gelöscht werden, die einmarschierten Franzosen erlaubten die Löscharbeiten.

Von verschiedener Seiten wird berichtet, dass die ersten Soldaten, die die Gemeinden besetzten, freundlich und zuvorkommend waren. Frida Bohnert, die in der Weinbergstraße wohnte, hält für Freitag, den 13. April, fest: „Heute früh 1/2 9 kamen 2 Franzosen mit vorgehalt. Revolver zur Hausdurchsuchung, waren sehr anständig.“ Pfarrer Bernauer schreibt: „Pfarrer und Pfarrhaus wurden in keiner Weise belästigt, am des 12. April kam ein französischer Leutnant ins Pfarrhaus, begrüßte den Pfarrer und alle Pfarrhausbewohner (damals 9 Personen) und fragte: ‚Na, wie geht’s, Herr Pfarrer?‘ Ebenso waren die Schwestern und das Schwesternhaus in keiner Weise Belästigungen ausgesetzt.“

Erst beim Durchmarsch der nachfolgenden Truppen begann eine harte Zeit für die Bevölkerung. Aus jenen Tagen sind auch Misshandlungen und Vergewaltigungen überliefert. Auch Plünderungen waren an der Tagesordnung. Im Archiv der Stadt Gernsbach ist eine lange Liste von Beschädigungen und Verwüstungen dokumentiert.
So gibt es u.a. eine Meldung von Schuh-Bleier in der Hauptstraße am Marktplatz, dass „ein Schaufenster und ein Ladentürfenster bei der Plünderung am 12. April 1945“ zerstört wurden. Dabei wurden „ 45 Paar braune und schwarze neue Herrenhalbschuhe geplündert à 18,50 Mark 25 Paar, à 14,50 Mark 20 Paar“.

Doch in der Bevölkerung machte sich erst einmal ein Aufatmen durch das Ende der Kriegshandlungen breit. Eine Zeitzeugin erinnert sich noch sehr gut: „Die Erleichterung war unbeschreiblich, dass endlich die Fliegerangriffe aufhörten. Neben aller Not war endlich Ruhe zu haben vor den Jagdbombern wie eine Erlösung.“ Auch Frida Bohnert schreibt in ihr Notizbuch froh über das Ende der Fliegerangriffe, allerdings verschweigt sie auch nicht die Schattenseiten: „Das schlimmste waren die Plünderer. Sonst wieder ruhig, kein Beschuss, kein Alarm mehr.“

Die Franzosen verhängen Ausgangssperren und Versammlungsverbote. So vertraut Frida Bohnert ihrem Tagebuch an: „Gutleber gibt als Stadtbüttel die täglichen Maßnahmen bekannt. Ausgehverbot, abends von 8 Uhr ab darf niemand mehr die Straße betreten.“ Doch bald, ab Ende Mai wurde mit Rücksicht auf die Feldarbeit, die Sperrzeit von 21 Uhr bis 6.30 Uhr verkürzt. Weitere Lockerungen wurden eingeführt, bis ab Sommer 1946 die Sperrzeit ganz aufgehoben war.

„Durch die Verwüstung bei der Sprengung der Stadtbrücke war das gesamte oberste Stockwerk unseres Hauses nicht mehr benutzbar. Die Franzosen ließen uns zwei Räume, in denen wir mit unseren Eltern wohnten. Das ganze Zimmer war mit Zubern und Eimern vollgestellt, um bei Regen das Wasser bei den undichten Stellen aufzufangen. Und doch waren wir froh, dass wir in unserem Haus bleiben durften. Anderen erging es noch viel schlimmer“, erinnert sich Ortrud Walter, die mit ihren Eltern und ihrer Schwester das Gasthaus Kreuz in der Bleichstraße bewirtschaftete. Von ihr wurden bereits im ersten Teil dieses Beitrags im „Gernsbacher Boten“ 1/2020 einige Erinnerungen aufgeführt.

Zweisprachig Bekanntmachungen

Die Franzosen beschlagnahmten für ihre Soldaten und Verwaltung mehrere Gebäude. Der General wohnte in der Villa Felix Hoesch. Vom 1. August 1945 residierte dort General Bouquae. Die Gendamerie Française war im „Wilden Mann“ in der Bleichstraße. „Der Platzkommandant bezog das Kornhaus als Kommandantur. Im Alten Rathaus lagen französische Mannschaften, das Bankhaus beim Scheuerner Übergang war für zwölf französische Stabhelferinnen beschlagnahmt. Ebenso wurden das obere Forstamtsgebäude … und das gegenüberliegende Amtsgerichts- und Notariatsgebäude für die französischen Besatzungstruppen beschlagnahmt“, berichtet ein Chronist später in der Tageszeitung.

Unter Androhung von Militärtribunal und Todesstrafe wurden Ausgehverbote verhängt,
und jede Reise musste genehmigt werden. Die ersten Bekanntmachungen der französischen Besatzung betrafen nicht nur Beschlagnahmungen von Fahrrädern, Radiogeräten und anderen Gegenständen, sondern betrafen auch die Ausgabe von Lebensmittelmarken und das Anstehen vor den Geschäften, bis hin zum Benutzen des Freibads. Ende April wurde per Rundschreiben an alle Bürgermeister und Verwaltungen die Anordnung erteilt, eine Liste von allen Mitarbeitern der Verwaltungen sowie allen Beamten bis hin zu Revierförstern zu erstellen. Dabei mussten nicht nur die persönlichen Daten erfasst werden, sondern auch die Mitgliedschaft in der NSDAP, die Dauer
und der Rang in der Partei.

Einsetzen der kommissarischen Bürgermeister

Gleich nach dem Einmarsch der Franzosen in Gernsbach wurde der bisherige Ratsschreiber Karl Bibbes zum kommissarischen Bürgermeister bestimmt, als Stellvertreter wurde Dr. Klaus Hoesch ernannt. Dies wurde bereits am 13. April 1945 vom französischen Kommandanten vollzogen. Als Stadtrat wurde Karl (Charly) Kappler aus Scheuern bestimmt. Dem Rücktrittsersuchen von Karl Bippes im August 1945 aus gesundheitlichen Gründen folgte Rudolf Schira, der am 13. August 1945 in das Amt des kommissarischen Bürgermeister berufen wurde.
Die französische Besatzung wollte in den verantwortungsvolle Positionen keinesfalls Vertreter der NSDAP. Daher hatten sie Rudolf Schira ausgesucht, da er nicht nur gute französische Sprachkenntnisse hatte, sondern vor 1933 der Sozialdemokratischen Partei angehört hatte und von den Nazis verfolgt worden war. „Als politisch Unbelasteten und in den letzten 12 Jahren schwerstens Verfolgter“ hatte der 41-Jährige ehemaliger Bauingenieur der Firma Laule die Voraussetzungen, die damals an eine Verwaltungsspitze gestellt waren.

Zu seinen Aufgaben gehörte die Schäden an Mensch und Gebäuden festzustellen, sowie die Anordnungen der französischen Besatzung an die Bevölkerung weiterzugeben. So musste er eine Aufstellung machen, wieviel Menschen zu Schaden gekommen sind: „insgesamt sind 13 Personen durch Kriegsereignisse in Gernsbach ums Leben gekommen“, hält er am 18. September 1945 fest. Doch der Druck der Besatzungskräfte auf die Verwaltung verstärkte sich, die Requisitionen nahmen immer mehr zu. Letztlich legte Rudolf Schira sein Amt nieder. Die Franzosen entschieden sich danach für August Müller, der das Amt des Bürgermeisters am 7. Januar 1946 antrat. Auch er war zuvor weder politisch aktiv, noch hatte er der NSDAP angehört.

Wohnungsnot und Zukunftsangst

Nach Kriegsende beherrschte Hunger und Wohnungsnot den Alltag der Menschen. Vertriebene aus den Ostgebieten wurden den Gemeinden zugewiesen und suchten ein neues Zuhause. In der Bevölkerung gab es viel Hilfsbereitschaft, man rückte zusammen, stellte Wohnraum zur Verfügung, aber es gab auch Unverständnis gegenüber den Flüchtlingen. Nicht immer verliefen die Einquartierungen reibungslos. Die einheimische Bevölkerung war selbst in Bedrängnis. Dazu kam die Trauer um verlorene oder vermisste Angehörige, die die Menschen bewegte.
„Die Verpflegung während des Krieges war mäßig, ging aber immer noch im Vergleich zu dem, was uns von 1945 bis 1948 in der französischen Zone erwartete“, erinnert sich die Gernsbacher Zeitzeugin Brigitte Rein im Rückblick auf die Nachkriegszeit.

Doch im April herrschte erstmal Ungewissheit, wie es weitergehen würde. Der Eintrag im Tagebuch von Frida Bohnert vom 14. April 1945 drückt die Angst vor der Zukunft ganz klar aus: „Heute Lebensmittelausgabe mit Marken… Aber was steht uns noch bevor?“
Das war selbst Ende 1945 noch nicht sicher. In den Wünschen des Bürgermeisters Rudolf Schira an die Bevölkerung zum Jahreswechsel 1945 wird aber auch die Hoffnung auf eine sichere Zukunft deutlich: „Schicksalshaft ist, was draußen geschieht. Hoffnungsvoll und zuversichtlich erwarten wir trotz allem das kommende Jahr und wünschen uns gegenseitig Erfolg im tätigen Leben und eine glücklichere Zukunft.“

Regina Meier

Dieser Beitrag erschien im “Gernsbacher Boten” 2/2020 im Casimir Katz Verlag am 30. Juni 2020

Reiche Geschichte des Gleisle-Areals

von der Schmiede zur Metzgerei

Spannende Einblicke in die Unterwelt der Altstadt gibt es im Gleisle-Areal in der Hauptstraße 6. Deutlich sichtbar sind für den Passanten die Reste von mehreren Kellern. Da sind gewölbte Keller zu entdecken, einige sind aus Sandstein gemauert, andere aus Ziegelsteinen.

In guter Erinnerung ist den Gernsbachern noch die Metzgerei Gleisle, die einst auf diesem Gelände stand. Bis zum Abriss des Hauses im Jahr 1993 beheimatete das mehrstöckige Gebäude, das direkt an die Stadtmauer grenzte, eine Metzgerei. Zwei in Stein gehauene Schweinsköpfe gaben schon von der Straßenseite her einen Hinweis auf das hier beheimatete Gewerbe. Bereits der Vater von Karl Gleisle, Joseph Gleisle, betrieb hier 1889 eine Metzgerei. Zu dem dreistöckigen Wohnhaus gehörte auch eine Wurstküche, weist das Gebäudeversicherungsbuch im Stadtarchiv Gernsbach nach. Der Zustand des Hauses wird als „ziemlich gut“ beschrieben.

Geht man der Historie dieses Anwesens nach, so findet man im Stadtarchiv weitere interessante Hinweise. Auch 1876 gab es in dem stattlichen Haus eine Metzgerei. 1876 hatte der Gaggenauer Metzger Ferdinand Melcher das Gebäude „bestehend aus der Metzig zu ebener Erd samt Viehstall, Futtergang und Heustall“ erworben.

Die Hauptstraße 6 beherbergte lange Jahre die Metzgerei Gleisle.

Im Jahr 1869 ist die genaue Lage des Gebäudes dokumentiert: „in der Unterstadt … neben dem städtischen Wachthaus und Straße, vorn die Hauptstraße und hinten Mühlgraben“. Auch 1859 findet man in der Lagebeschreibung des Hauses den Hinweis auf das Torwächterhaus: „… neben dem städt. Wachthaus an der Allmendstraße“. Damit ist nicht nur nachgewiesen, dass das Haus direkt an die Stadtmauer gebaut war, vielmehr ist auch die direkte Nachbarschaft zu dem nicht mehr existierenden Torwächterhaus bestätigt.

Die wechselvollen Jahre um die Revolution von 1848 brachten auch für das Haus Veränderungen. In den Jahren muss der Wechsel zu einer Metzgerei stattgefunden haben, davor ist in den Grundbüchern von einer Schmiede die Rede. 1847 wird dokumentiert, dass der Schmiedemeister Friedrich Hasenpflug das Wohnhaus samt „Schmiedewerkstätte zu ebener Erde nebst der danebenliegenden Kohlenkammer“ verkauft. Bis in das Jahr 1782 finden sich im Stadtarchiv Nachweise auf eine Schmiedewerkstätte auf dem Areal. 1790 wird detailliert die Lage des Anwesens beschrieben: das Gebäude befindet sich direkt am unteren Tor, für die Stadthistoriker ein wertvoller Hinweis darauf, dass damals das Stadttor noch bestand.

Sicher ist, dass das Haus im Jahr 1715 gebaut wurde. Sicherlich gab es zuvor schon an dieser Stelle eine Bebauung, wahrscheinlich wurden die Vorgängerbauten während des Pfälzischen Erbfolgekriegs Ende des 17. Jahrhunderts zerstört, als die Verwüstungen durch französische Truppen in ganz Baden auch Gernsbach nicht verschonten .

So manches rund um dieses Gebäude liegt im Dunkel der Geschichte. Lassen sich die Spuren von schwarzem Ruß in den jetzt offengelegten Kellern auf die einstige Schmiede zurückführen, die es auf dem Areal vor über 200 Jahren gab? Oder sind sie Hinweise auf die ehemaligen Stadtbrände?

Für die Beantwortung dieser Fragen geben archäologischen Untersuchungen aus dem Jahr 2017 wertvolle Auskünfte. Diese Prüfung gehört zu den Voraussetzungen für eine neue Bebauung in dem sensiblen Altstadtbereich. Sie wurden von der Firma Kohler & Tomo Archäologie, die sich auf archäologische Dienstleistungen spezialisiert hat, durchgeführt und waren von dem Eigentümer des Grundstücks, der Emely GmbH, Lahr, beauftragt worden. Diese Baufirma hat beantragt, auf dem Gleisle-Areal ein Mehrfamilienhaus mit Tiefgarage zu erstellen.

Noch sind die alten Kacheln der einstigen Metzgerei zu erkennen.

Bei den Untersuchungen kamen nicht nur die alten Fußbodenfließen der Metzgerei Gleisle zum Vorschein, sondern auch das Labyrinth der vielfältigen Keller. Wie die Grabungsfirma weiter feststellte, sind auf dem Areal bauliche Überreste aus dem Mittelalter wie der Neuzeit zu finden. Die Ergebnisse stellten klar, dass die Keller sogar im 16. Jahrhundert oder in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts entstanden sein dürften. Außerdem konnten noch ältere Fundstücke sichergestellt werden, die bis ins ausgehende 15. Jahrhundert zurückweisen. Spannend lesen sich die Ergebnisse der Archäologen: Bei einem der Keller handelt es sich um den Eiskeller der ehemaligen Metzgerei, erbaut etwa 1912. Außerdem kam auch ein massiver mittelalterlicher Bau zu Tage. Er schloss sich östlich des Gewölbekellers an (Richtung Murg) und nahm den Bereich zwischen der süd- und nordöstlichen Stadtmauer ein. Nachgewiesen wurden seine bis 1,40 Meter mächtigen Mauern. Von der Westseite gab es eine circa 2,50 Meter breite Durchfahrt aus Sandstein. Im Innenraum konnte im Fußboden eine über 1,50 Meter dicke Brandschuttschicht aus stark durchgeglühten Dachziegeln und Lehmgefache dokumentiert werden.

Das Gleisle-Areal liegt direkt an der Stadtmauer. Foto aus dem Jahr 2005.

Die bisherigen Funde würden das Genehmigungsverfahren für den beantragten Neubau nicht gefährden, so das erste Urteil der Archäologen. Wie auch Martin Strotz, der Gebietsreferent für Archäologische Denkmalpflege im Landesamt für Denkmalpflege (Dienstsitz Karlsruhe) bestätigte, sei der wertvollste Teil des Gleisle-Areals die Stadtmauer. Weitere Ergebnisse der als „spannend“ bezeichneten Untersuchungen müsse man abwarten. Denn diese geben nicht nur Hinweise auf die frühere Nutzung des Gebäudes, sondern auch auf die facettenreiche Geschichte der Altstadt von Gernsbach.

Regina Meier

Dieser Beitrag erschien im “Gernsbacher Boten” 1/2020 im Casimir Katz Verlag am 31. März 2020

Das Ende des Zweiten Weltkriegs in Gernsbach

Teil 1

Im Mai dieses Jahres jährt sich das Ende des Zweiten Weltkriegs zum 75. Mal. Grund für eine Rückschau auf diese Zeit. Im Mittelpunkt dieses Rückblicks stehen nicht in erster Linie die politischen Ereignisse, sondern die Schilderung der Menschen, die damals diese Zeit in Gernsbach erlebt haben.

1995 veröffentlichte der “Gernsbacher Bote” eine umfangreiche Darstellung der letzten Kriegsmonate. Diese fußten nicht nur auf Recherchen im Stadtarchiv, sondern auch auf mehreren Aussagen von Zeitzeugen, die damals noch lebten und ihre Erinnerungen persönlich weitergaben. Sie gaben ein nahegehendes Zeugnis von den Ereignissen ab. Zwischenzeitlich sind weitere Quellen hinzugekommen, die einen weiteren Zugang zur Aufarbeitung der Zeit erlauben.

Die Menschen 1944 lebten bereits seit fünf Jahren mit dem Krieg. Wohl gab es bis dahin in Gernsbach keine direkten Kriegshandlungen, doch die Berichte der Soldaten, die zu Heimaturlaub nach Hause kamen, waren erschreckend. Die Meldungen über Gefallenen- und Vermissten nahm zu. Einschränkungen in der allgemeinen Versorgung waren zu spüren, aber noch nicht dramatisch.

Das Alte Gefängnis in der Hepplerstraße beherbergte auch Soldaten, Aufnahme um 1943. Foto: privat

Ein Ende des Krieges war nicht zu erwarten. Die Informationen, die man über den verbotenerweise abgehörten BBC-Sender erfuhr, widersprachen den Parolen, die aus der Zeitung und den Parteiorganen zu entnahmen waren. Auch die steigende Zahl von Menschen, die als Fliegergeschädigte in Gernsbach Unterschlupf suchten, war alarmierend und verängstigte die Gernsbacher Bevölkerung. Im September 1943 zählte die Stadt über 760 Personen, die als Fliegergeschädigte untergebracht waren. Fast ein Drittel davon kam aus dem Ruhrgebiet, wo es besonders starke Vernichtungen durch Bombenangriffe gegeben hatte. „Die Stadt war überfüllt“, teilte Ernst Bernauer, Pfarrer der katholischen Gemeinde in Gernsbach, in seinem „Kriegsbericht“ an die Erzdiözese in Freiburg mit. Es gäbe keine freien Wohnunterkünfte mehr.

Pfarrer Ernst Bernauer hielt die Ereignisse in den letzten Kriegstagen schriftlich fest. Foto: Privat

Während des Krieges waren in Gernsbach über 500 Ausländer untergebracht, darunter niederländische und elsässische Zivilarbeiter und Kriegsgefangene aus Frankreich, Polen und Russland. „Im Gernsbacher Werk arbeiteten jetzt als Kriegsgefangene in Afrika gefangengenommene Inder“, hielt Dr. Casimir Katz in seinen Erinnerungen „Wahrheit und Dichtung“ über seine Zeit bei Katz & Klumpp fest.

Bei den Indern handelte es sich meist um Pakistani, die moslemischen Glaubens waren und an der Murg ihre gegen Mekka gerichteten Gebete verrichteten. „Sie hatten Turbane auf und tadellose Uniformen. Sie wurden auch ihrer Religion entsprechend verpflegt, die Untertanen der britischen Majestät wurden recht gut mit Fleisch versorgt, während Polen und Russen ausgesprochen schlecht behandelt wurden“, schreibt er weiter. „In der Hierarchie der Kriegsgefangenen standen die Franzosen oben, sie waren meist auf den Bauernhöfen untergebracht“, ergänzt er.

Die jungen Frauen wurden noch im Frühjahr 1945 zum Reichsarbeitsdienst einberufen. Foto: Privat

Die tägliche Angst stieg, und bald gehörte auch die Sirene, die vor den Jagdbombern warnten, zu den Erfahrungen der Murgtalbewohner. Sobald die Sirenen in Gernsbach losgingen, suchten die Bewohner schnellstens die Keller und Luftschutzkeller auf. Für Ortrud und Hildegard Walter, deren Eltern damals das Hotel „Zum goldenen Kreuz“ in der Bleichstraße bewirtschafteten, brachte ein solcher Alarm besondere Belastungen: „Wir hatten zu Kriegsende die Bewohner des Altenheimes Rastatt in unserem damaligen Hotel untergebracht, die jüngste Bewohnerin war 70 Jahre. Bei Fliegerangriffen mussten wir Mädels immer mit anpacken, die alten Leute in den Keller zu bringen. Das war eine anstrengende Arbeit, zum Schluss haben wir die Matratzen in die Keller geschafft, und die alten Leute sind gleich unten geblieben“, erzählte Ortrud Walter vor 25 Jahren im persönlichen Gespräch.

Alfons Klostermeier erinnert sich, wie er als Mitglied des Jungvolkes, der Jugendorganisation der Hitlerjugend, am Kriegerdenkmal Wache schieben musste. Gerade mal zehn alt, wurde er vorwiegend sonntags, wenn er eigentlich als Messdiener im Sonntagsgottesdienst sein sollte, zu diesem Dienst abkommandiert.

Der Schrecken durch den Bombenangriff auf die Schwarzenbachtalsperre am 19. Juli 1944 fuhr den Menschen tief in die Glieder, zwei Menschen kamen dabei ums Leben. Die dortigen Flak-Stellungen als Sicherheitsmaßnahme der Talsperre waren keine Versicherung gegen eine Katastrophe, und dazu wäre es sicherlich gekommen, wenn die Staumauer nicht gehalten hätte.

Die eingesetzten Männer der Flak-Stellung waren zum Teil Soldaten, der überwiegende Teil allerdings waren Luftwaffenhelfer, die u.a. aus dem Gymnasium Gernsbach rekrutiert wurden. Eine Ortsrufanlage verband die Schwarzenbachtalsperre mit sämtlichen Bürgermeisterämtern murgabwärts bis Gernsbach.

Am 9. August 1944 fand ein Großeinsatz der amerikanischen Luftwaffe über Süddeutschland statt. Die amerikanischen Bomber, die auf einem Flughafen von England aus gestartet waren, hatten den Befehl, mehrere Ziele in Süddeutschland anzugreifen. Doch die Aktion musste abgebrochen werden. Dabei wurden mehrere Flugzeuge abgeschossen, ein schwer beschädigter Bomber flog über das Murgtal hinweg und zerschellte bei Enzklösterle-Gompelscheuer. Einzelne Besatzungsmitglieder konnten sich retten, drei landeten mit ihren Fallschirmen zwischen Weisenbach und Hilpertsau. Doch alle drei wurden von der aufgebrachten Menge oder von fanatischen NSDAP-Gefolgsleuten ermordet und bescherten dunkle Stunden für das mittlere Murgtal, insbesondere für Gernsbach.

Hintergrund für diese Lynchjustiz war ein Rundschreiben von Martin Bormann vom Mai 1944, letztlich hatte die NS-Regierung Lynchjustiz offiziell als legitim erklärt. Steffen Killinger, Historiker, der sich seit etwa 20 Jahren mit den Fliegermorden im Murgtal beschäftigt, konnte zahlreiche Details zu den Fliegermorden in amerikanischen Dokumenten sowie in deutschen Archiven recherchieren. Er konnte sie mit persönlichen Gesprächen mit überlebenden Besatzungsmitgliedern ergänzen und ein umfassendes Bild der furchtbaren Geschehnisse nachzeichnen und in den Lokalzeitungen veröffentlichen. Wie konnte es soweit kommen, dass solche Ausschreitungen stattfanden, dass niemand diesen Gewalttaten Einhalt gebot?

Bedrohung durch Fliegerangriffe

Die Bedrohung durch Tieffliegerangriffe für das restliche Murgtal wuchs. Am 10. September 1944 war Gaggenau das Angriffsziel von Bombern. Immerhin war dort mit dem Daimler-Benz-Werk ein „kriegswichtiger“ Betrieb angesiedelt. Ein Tagesgroßangriff mit Spreng- und Brandbomben zerstörte weite Teile der Stadt und des Industriebetriebes. Am 3. Oktober folgte ein zweiter und noch schrecklicherer Angriff, der besonders im Werk und dem Stadtteil Ottenau galt. „Insgesamt fanden 205 Bewohner den Tod, 111 wurden verletzt, 4.500 Menschen wurden obdachlos“, fasst eine Zusammenstellung über die Kriegsjahre im Heimatbuch des Landkreises Rastatt 1970 zusammen.

Der Angriff vom 10. September 1944 hatte auch in Gernsbach verheerende Folgen. Insgesamt zehn Todesopfer wurden beklagt. In Gernsbach wurden bei 24 Gebäude Schäden festgestellt, sechs Wohngebäude waren komplett zerstört. 65 Personen wurden obdachlos.

Das Anwesen der Familie Bastian in der Hoeschstraße 20 und die Hoeschstraße 18 wurden dabei völlig zerstört, die Häuser wurden von einer Brandbombe getroffen. Besonders schlimm traf dieser Angriff die Familie Budell in der Austraße 3. Die beiden Söhne Dietmar und Rainer und ihre Großmutter starben durch den Bombenabwurf. Ihre Mutter Fanny Budell wurde in den Trümmern verschüttet aufgefunden und hat sich von ihren schweren Verletzungen nie wieder richtig erholt. Ebenso wurde das Haus in der Austraße 25 durch diesen Angriff zerstört.

Die Werksanlagen von Schoeller & Hoesch wurden stark in Mitleidenschaft gezogen. Allein auf dieses Gelände fielen 25 Sprengbomben, zwei Betriebsangehörige wurden verwundet. Über Friedrich Rothfuß, einer der Verwundeten, ist folgendes überliefert: „Rothfuß war im Betrieb als Schlosser beschäftigt und konnte sich bei dem Angriff nicht mehr rechtzeitig in Sicherheit bringen und legte sich unter einen Baum, woselbst er Steinprellungen erlitt.“ Der Gebäudeschaden wurde von der Firma angegeben: „5 total zerstöre Gebäude, 4 schwer und 3 leicht zerstört.“

Am 12. September 1944 folgte ein weiterer Fliegerangriff, der das Haus der Familie Klumpp in der Austraße 34 stark zerstörte und ein Todesopfer forderte. Die Fliegerangriffe erfolgten in immer dichteren Abständen. Dabei wurden jeweils Verletzte beklagt.

An den Endsieg glaubten nur noch wenige. Allerdings waren vom Bürgermeister Gernsbachs, Friedrich Bender, der 1938 aus Wertheim nach Gernsbach gekommen war, ganz andere Töne zu hören. Bender, der von Mai 1942 nicht mehr vor Ort war, sondern zur Wehrmacht abkommandiert war, vertrat mit großer Überzeugung nationalsozialistische Ideen. Ende November 1944 schrieb er an den NSDAP-Ortgruppenleiter Stichling nach Gernsbach: „Wenn wir nie den Glauben an den Führer verlieren und immer seinem Beispiel folgen, dann wird trotz allem am Ende dieses Ringens der Sieg unser sein.“

Auch die Feldpostbriefe sind ganz im Ton der nationalsozialistischen Propaganda verfasst. So schrieb Daniel Fortenbacher 1940 von der Westfront an seinen ehemaligen Arbeitgeber Kurt Overlack von der Firma Casimir Kast: „Wir Soldaten an der Westfront wollen immer treue Wache halten, solange es unser Führer für richtig hält, damit der Franzmann unsere Heimat nicht verwüsten kann.“ Doch mehr und mehr machte sich Skepsis unter den Soldaten wie der Bevölkerung breit. Trotz Zensur begannen Soldaten wie Briefpartner/innen ihre Meinungen und Erlebnisse offen zu schildern. Von Pius Kleehammer, Gausbach, der Soldat an der Ostfront war und wahrscheinlich dort gefallen ist, ist ein Brief vom November 1944 überliefert: „Ich kann euch nicht sagen, wie mir alles verleidet ist. Kein Ausweg zu einem Ende des Elends….Ich kann bestimmt vieles ertragen, aber das ist einmal zu viel. Da hat man gar keine Lust mehr zu leben. Und man muss weitermachen…“

Am 27. Februar 1945 war Gernsbach wieder Ziel von „Bordwaffenbeschuss feindlicher Tiefflieger“, wie in den damals offiziellen Verlautbarungen zu lesen war. Die Bomben fielen auf das Haus von Richard Weber in der Scheffelstraße. Auch am 9. März ist ein Fliegerangriff verzeichnet. Am 24. März 1945 wurde von einem Tiefflieger ein Gernsbacher getötet. Im März 1945 wurde die Bildhauerwerkstätte von Adolf Schnelle in der Scheffelstraße durch „unmittelbar in der Nähe abgeworfene Bomben“ zerstört. Außerdem wurden die Gebäude Emil und Karl Kübler sowie der „Löwen“ und das Haus Nachmann-Walter im Bereich der Igelbach-/Bleichstraße/Salmengasse beschädigt.

Für die Frauen und Mädchen aus dem gesamten Murgtal war damals Schippen angeordnet. Mit einem „Schipperzug“, wie der Zug, der die Menschen zum Gräben-Ausheben damals genannt wurde, wurden die Frauen unter Aufsicht von Parteimitgliedern (meist ältere Beamte) Richtung Rheintal gefahren. In und um die grenznahen Gemeinden sollten Feldbefestigungen und Schützengräben angelegt werden.

Immer mehr Menschen aus den Gemeinden an der Grenze suchten im mittleren und hinteren Murgtal Unterschlupf, aus Furcht vor der näher rückenden Front. Gegen Ende des Krieges nahmen die Großangriffe auf die Städte zu. Und dann kam die Nachricht von der Zerstörung Pforzheims am 23. Februar 1945. Die Meldung von der totalen Zerstörung Bruchsals am 1. März 1945 ließ die Angst vor Angriffen weiter wachsen.

„Wir werden uns immer daran erinnern, wie in den letzten Kriegstagen Leute aus Pforzheim zu uns kamen“, erzählten Hildegard und Ortrud Walter über ihre Erlebnisse in ihrem Hotel „Zum goldenen Kreuz“. „Sie flüchteten bei Fliegeralarm ebenfalls mit uns in unsere Keller und saßen am ganzen Leib zitternd da. Die Schilderung dieser Pforzheimer über ihre Erlebnisse beim Angriff auf Pforzheim war ein einziges Grauen“, erinnern sich die Gernsbacherinnen noch 50 Jahre nach den Ereignissen sehr lebendig.

Die deutsche Bürokratie war noch immer intakt: Ende Februar 1945 erhielten Gernsbacher Jugendliche eine Einberufung zum Reichsarbeitsdienst nach Rastatt. Brigitte Rein erinnerte sich, dass sie nach Rastatt den Zug nutzen konnten, doch zurück mussten sie zu Fuß gehen. „Wir warfen uns in Kuppenheim fortlaufend in den Landgraben, hörten auch die Bordwaffen knattern. Letztlich kamen wir verängstigt, aber wohlbehalten in Gernsbach an“, veröffentlichte sie in einem Rückblick.

Das schönste Frühjahrswetter entlockte der Natur das erste Grün, doch in den Köpfen der Menschen war für dieses Naturschauspiel in jenen Tagen kein Platz. Die Versorgungslage verschlechterte sich und führte zu immer schärferen Rationierungen. Schon im Januar 1945 war ein „Volksopfer“ zur Sammlungen von Sachspenden angeordnet worden.  Danach sollten Kleidung und Ausrüstungsgegenstände für Volkssturm und Wehrmacht gespendet werden, diese Anordnung wurde sogar noch verschärft und verhieß die Todesstrafe demjenigen, der Sammlungsstücke unterschlagen würde.

Die wenigen verbliebenen jungen Männer in Gernsbach hatten Angst, doch noch eingezogen zu werden. Im Frühjahr 1944 musste der Jahrgang 1926 an die Front, das heißt, die gerade mal 17-Jährigen wurden eingezogen, im Herbst 1944 war der Jahrgang 1927 dran. Noch im März 1945 wurde ein letztes Aufgebot von älteren Männern und Jugendlichen zusammengestellt, das als Volkssturmeinheiten den Widerstand gegen die Front stärken sollte. Jedem war die Sinnlosigkeit dieser Maßnahme klar. Jeder sehnte sich ein Ende des Krieges herbei.

„Panischer Schrecken verbreitete das Gerücht, Gernsbach sollte verteidigt werden. Daß die führenden Parteileute tatsächlich daran gedacht hatten, Gernsbach nicht kampflos zu übergeben, beweist ein großes Plakat, das nachträglich im Rathaus fand. Es kündigt den bevorstehenden und geplanten Kampf an und ordnet die Räumung des Städtchens an“, hielt Pfarrer Ernst Bernauer in seinem „Kriegsbericht“ für das Erzbistum Freiburg fest. 

April 1945 in Gernsbach

Der 1. April 1945 war der Ostersonntag. Die Hoffnung der Menschen galt damals dem baldigen Ende des Krieges. Noch in der Osterwoche, am 5. April wurden die Inder, die in Gernsbach zum Arbeitsdienst in den Industriebetrieben eingesetzt waren, abgezogen. „Das gesamte Kommando auf höheren Befehl nach dem Lager Malschbach abkommandiert“,  wurde festgehalten.

Die Alliierten rückten immer näher. Am 31. März 1945 hatte die 1. Französische Armee unter Befehl von General Jean de Lattre de Tassigny nördlich von Karlsruhe den Rhein überquert. Am 4. April wurde Karlsruhe besetzt. In der Nacht vom 9. auf 10. April marschierten die französischen Soldaten, meist Marokkaner, in Freiolsheim-Moosbronn ein. Weithin sichtbar loderten die Flammen der angezündeten Gebäude.

Kaum noch jemand ging im Murgtal an seinen Arbeitsplatz, es hieß abwarten.

Eleonore Mayer-Katz hielt sich in den letzten Kriegstagen bei ihrer Großmutter in der Bleichstraße auf. Foto: Werner Meier

Am Dienstag, 10. April, zogen die in Gernsbach liegenden Einheiten der Wehrmacht ab. Leonore Mayer-Katz, die sich bei ihrer Großmutter in Gernsbach in der Bleichstraße aufhielt, schrieb in ihren Memoiren: „Noch sehe ich vor mir, wie in jenen Tagen die völlig erschöpften deutschen Soldaten durch Gernsbach zogen. Ihre Mienen waren gekennzeichnet von den Kämpfen der letzten Tage, die Uniformen waren abgewetzt, das Schuhwerk schlecht, sie waren unzureichend bewaffnet. Hinten in der Hebelstraße kochte man für sie Kartoffelsuppe. Sie waren dankbar dafür, aber sie wirkten hoffnungslos.“

Am 10. April wurde das Murgtal vom deutschen Oberkommando aufgegeben. Hohe und niedrige Parteiführer begannen, sich aus Angst vor den sich überstürzenden Ereignisse abzusetzen.

Das leere Lebensmittellager wurde von in den letzten Kriegstagen angezündet. Foto: Stadtarchiv Gernsbach

In der Nacht wurden die Lebensmittelvorräte aus dem Militärlager an der Badener Straße, beim jetzigen Hockeyplatz, mit Fuhrwerken nach Forbach in die Lazarette gebracht, danach waren die drei großen Baracken mit den restlichen Lebensmittel für die Bevölkerung geöffnet. Die Gernsbacher konnten dadurch ihre mageren Vorräte aufstocken, vor allem waren die Menschen für das Mehl und den Käse dankbar.

In der Nacht vom 10. auf den 11. April fuhr ein Munitionswagen bei der katholischen Liebfrauenkirche vor, und die Soldaten begannen, Kisten abzuladen. Pfarrer Ernst Bernauer protestierte dagegen, bekam allerdings zur Antwort: „Sie werden ihre Freude haben, es kommen noch vier Wagen voll. Wir haben Befehl, hier abzuladen.“ Sein Hinweis an die Ortskommandantur am nächsten Tag, dass diese Munition doch eine große Gefahr für die Kirche sei, wurde lapidar telefonisch beantwortet: „Es sind schon viele Kirchen zerstört worden, auf diese eine kommt es jetzt auch nicht mehr an.“ Und doch, noch am 11. April wurde die Munition wieder abgeholt.

Der Tagesbefehl des Gauleiters vom 27. März 1945 mit dem Aufruf zur Werwolfaktion hätte für Gernsbach verheerende Folgen gehabt. Es hieß da: „Der Feind steht an den Grenzen unseres Gaues…. Jeder Mann, jede Frau, jeder Junge und jedes Mädel hat die heilige Pflicht. …. dem Feind Schaden zuzufügen.“ Mit diesem Aufruf zu einer Partisanentätigkeit war gleichzeitig die Drohung verbunden, dass all diejenigen, die sich ergeben oder eine weiße Fahne zeigen, durch ein Standgericht erschossen würden.

Setzte sich dafür ein, dass die Stadtbrücke nicht gesprengt wird: Felix Hoesch, Foto: Stadtarchiv Gernsbabach

Umso mehr muss das mutige Engagement von Felix Hoesch eingeschätzt werden. Er versuchte, den Befehl zur Sprengung der Stadtbrücke, um den französischen Vormarsch aufzuhalten,  rückgängig zu machen. Letztlich konnte er im Ringen mit dem beauftragten deutschen Offizier um den Erhalt dieser Brücke einen Teilerfolg verbuchen. Die Brücke wurde am 11. April 1945 vor Einbruch der Dunkelheit gesprengt. Sie wurde allerdings nur soweit beschädigt, dass sie nicht mehr passierbar war, aber die Wasserleitung, die unter der Brücke verlief, wurde verschont. Durch die Detonation gingen Fensterscheiben und Schaufenster der örtlichen Geschäfte zu Bruch. Die Sprengung verursachte auch zum Teil Verwüstungen in den Häusern, Möbel und Hausgeräte wurden demoliert. Dies geht aus den Schadenslisten hervor, die detailliert nach Ende des Krieges an die Stadtverwaltung gemeldet wurden. Die Druckwelle war so stark, dass sogar Menschen umgeworfen wurden, bestätigten Zeitzeugen. Auch die Hoesch-Brücke wurde zerstört, konnte jedoch zu Fuß noch überquert werden.

Das Lebensmittellager am 11. April 1945 wurde ein Raub der Flammen. Foto: Stadtarchiv Gernsbach

Das leere Lebensmittellager wurde von den verbliebenen deutschen Soldaten angezündet. „Als Folge hiervon begann um etwa 19 Uhr der Angriff auf Gernsbach“, hielt Leonore Mayer-Katz schriftlich fest. „Brandgranaten und glühende Kugeln fetzten durch die Luft.“

Pfarrer Ernst Bernauer beschreibt ebenfalls die dramatischen Stunden in der Nacht: „Etwas nach 10 Uhr schossen die Deutsche etwa drei Brandgranaten in das Städtchen, in den Teil rechts der Murg. Es entstand ein Brand, dem 12 Häuser zum Opfer fielen und restlos abbrannten. Es konnte nichts gerettet werden, weil die Bewohner in den Bunkern sich befanden und sie nicht verlassen durften.“

Den ganzen Tag hatte man schon die Geschützfeuer der Franzosen gehört. Bereits am Vormittag waren die Franzosen über das Käppele in Loffenau einmarschiert. Am Nachmittag sah man, dass in Loffenau einige Häuser brannten. Auch aus Michelbach wurde der Anmarsch der Franzosen gemeldet. Die Gernsbacher richteten sich in ihren Kellern ein, man rechnete bis zum Einbruch der Dunkelheit mit dem Einmarsch der Franzosen.

 

Dieser Beitrag wäre ohne die persönlichen Erzählungen von Zeitzeugen nicht möglich gewesen. Ein herzliches Dankeschön dafür an die Beteiligten, das Aufleben dieser Erinnerungen war emotional oftmals bewegend. Wichtige Hinweise gaben die Publikationen von Martin Walter: Prägende Jahre zwischen den Kriegen: 1914–1945, in „800 Jahre Gernsbach“, 2019, sowie Casimir Katz: Wahrheit und Dichtung – Geschichte und Erinnerungen an eine bewegte Zeit, 1995, und Leonore Mayer-Katz: Sie haben zwei Minuten Zeit. Nachkriegsimpulse aus Baden, 1986, und das Stadtarchiv Gernsbach.

Regina Meier

Dieser Beitrag erschien im “Gernsbacher Boten” 1/2020 im Casimir Katz Verlag am 31. März 2020

Unvergessliches Erlebnis: Denkmalnacht in Gernsbach

Von Gernsbachern für Gernsbacher: die Denkmalnacht
am 14. September 2019

Die Gernsbacher Denkmalnacht war ein Höhepunkt in den Feierlichkeiten zum 800-Jahr-Jubiläum der Stadt. Wichtige Gebäude der Altstadt wurden illuminiert und zeigten sich wortwörtlich in neuem Licht. Bei lauen herbstlichen Temperaturen im Schein des Vollmondes zogen zahlreiche Besucher vom Katzschen Garten bis hoch zum Storchenturm und folgten einer Kette von bunten Kerzen.

Bürgermeister Julian Christ eröffnete die Denkmalnacht, gemeinsam mit der Biedermeiergruppe, den Hördener Herolde und dem Arbeitskreis Stadtgeschichte.

Bürgermeister Julian Christ eröffnete gemeinsam mit Dr. Irene Schneid Horn und Regina Meier vom Arbeitskreis Stadtgeschichte die Veranstaltung „Schau mal, hör mal, denk mal“. Flankiert von der Biedermeier-Gruppe und angezogen von den Fanfarenklängen der Hördener Herolde hatten sich bereits zum Auftakt des Abends zahlreiche Besucher vor dem Kornhaus versammelt.  

Das Konzept des Veranstalters, der Stadt Gernsbach, das unter Mitarbeit des Arbeitskreises Stadtgeschichte entstand, wurde überwältigend angenommen. Über ein Jahr dauerten die Vorbereitungen für dieses Event, in der sich die Aktiven in mehreren Sitzungen über Gestaltung und Ablauf einbrachten. Etwa 40 Gruppen waren an der Durchführung beteiligt. Für alle überraschend waren der rege Zuspruch der Besucher und die Lichtpracht, in der die Denkmäler erstrahlten.

Vor jedem der zwölf Stationen war ein Licht-Punkt installiert und informierte über das Programm des jeweiligen Ortes. Viele Besucher waren allerdings schon mit einem festen Plan gekommen, den sie sich dank des frühzeitig erschienenen Flyers zusammengestellt hatten. Die Begeisterung der Besucher, durch die Gassen der Altstadt zu schlendern und die kulturellen Beiträge zu genießen, war überall zu vernehmen. An allen Ecken trafen sich die Menschen, tauschten sich über den nächsten Programmpunkt aus. Es gab auch jene, die zielstrebig durch die Gassen stürmten, da sie die nächste Aufführung nicht verpassen wollten. Doch Eile war nicht angebracht, denn spätestens hinter der nächsten Kurve traf man Bekannte und verweilte im Gespräch.

Denkmäler sind nicht nur ein Ausdruck von Geschichte, vielmehr entfalten sie ihre ganze Bedeutung, wenn sie mit Leben gefüllt werden. Und dazu gabs bei der Gernsbacher Denkmalnacht genügend vorzeigbare Beispiele: Szenenspiele, Chorgesang, Vorlese- und Mitmach-Aktionen wurden den Besuchern geboten.

Alleine die Musikrichtungen, die an diesem Abend in Gernsbach präsentiert wurden, werden sich in der Dichte nicht so schnell wiederholen:

Vor dem Kornhaus war der Chor Salt o vocale zu hören.

Der Chor Salt o vocale unter Leitung von Achim Rheinschmidt war vor dem Kornhaus zu hören. Im Katzschen Garten bot der Chor Ucelli Canori, geführt von Irmgard Löb-Spöhr, Lieder aus Pop, Rock, Gospel und Musicals. Das Trio CAN – Claudia und Anne Dresel und Nela Samuelis – hatte ein ganz besonderes Repertoire an schaurigen Liedern zusammengestellt und präsentierte dieses im historischen Kellergewölbe am Stadtbuckel. Musica Antiqua mit ihren mittelalterlichen Klängen und keltischer Folklore sowie die alpenländischen Stubenmusik der Gruppe BriMaTonVoka unter Leitung von Brigitta Herzog zogen die Zuhörer im Alten Rathaus in Bann. In den Kirchen gabs Orgelmusik, und in der St. Jakobskirche spielte das Kammerorchester Werner Roth.

Ucelli Canori im Katzschen Garten

Im Katzschen Garten hatten sich Tanja und Jürgen Illig auf die Begrüßung der Gäste vorbereitet und sorgten mit zahlreichen Fackeln für ein stimmungsvolles Ambiente. Wahre Menschentrauben interessierten sich für die Führungen zu den Kleinoden des Gartens.

in Nachtwächter wachte über die Sicherheit in den Gassen. Rudi Seifried hatte sich spontan bereiterklärt, diese Rolle zu übernehmen und verkündete stilecht und eindrucksvoll den jeweiligen Wächterruf: „Hört ihr Leut und lasst euch sagen…“

Türmwächter am Storchenturm

In die Rolle der Turmwärter schlupften an diesem Abend Christoph Gerber und Gerhard Seidel. Angekündigt durch Fanfarenklänge der Hördener Herolde, die in der ganzen Stadt zu hören waren, wechselten sie stündlich wortgewandt ihren Dienst am Storchenturm. Sie gaben in einem launigen Dialog einen Einblick in ihre einst wichtige Aufgabe für die Stadt.
Im Alten Rathaus führte der Historienstadl Gernsbach die überlieferte Geschichte über die Hexe von Gernsbach aus dem 17. Jahrhundert auf, die Dr. Cornelia Renger-Zorn in Szene gesetzt hatte.

Vor dem Kornhaus diskutierten Ernst Ludwig Posselt und Friedrich Weinbrenner in einem fiktiven Gespräch über die Probleme des 18. Jahrhunderts, dargestellt von Wolfgang Froese und Dr. Ulrich Schumann in historischen Gewändern.

Großer Andrang herrschte bei den Führungen in den Kellern Hauptstraße 28, dem Wolkensteinschen Keller und den Zehntscheuern.

Reger Besuch in den Zehntscheuern.

Die Bewirtungs-Crew in den Zehntscheuern hatte alle Hände voll zu tun, dem Andrang der Besucher gerecht zu werden. Die Führungen in den frisch renovierten Scheuern mussten reglementiert werden. Ebenso ging es in der Hauptstraße 23 zu. Dort hatten Annegret Kavelage und Sabine Giersiepen den Kunstraum und den Durchgang zur Amtstraße ansprechend ausgeleuchtet. Einen wahren Zustrom von Interessierten fanden die Aktivitäten im ausgeräumten Kellergewölbe. Die stündlichen Aufführungen des Gesangstrios CAN im Wechsel mit der Geschichtenerzählerin Brigitte von Hattem hatten regelrecht Magnetwirkung am Stadtbuckel.

Das Marienhaus erstrahlte mit blau-roten Spots.

Auch die Jüngeren kamen auf ihre Kosten, wie beispielsweise beim Basteln in der ehemaligen Nähstube des Marienhauses. Die Bücherei hatte sich auf ihre Herkunft besonnen und bot eine Nähaktion für Groß und Klein. Bei älteren Gernsbacher wurde die Erinnerung wach, wie sie hier einst von der Nähschwester unterrichtet wurden.

Eine Entdeckung für viele Besucher war der geöffnete Wolkensteinsche Hof. Hier sorgten die Bleichhexen mit ihrer Bewirtung in dem weitläufig, privaten Innenhof, der von früheren Altstadtfesten noch vielen Gernsbachern in Erinnerung war, für einen willkommenen Ruhepol in dem schrittintensiven Abklappern der Denkmalnacht-Aktionen.

Dort fanden die Vorlese-Aktionen in der rustikal dekorierten Scheune zahlreiche Zuhörer. Für eine knappe halbe Stunde ließen sie sich in die Welt von Hexen und Geistern entführen. Janina Bender, Katja Weißhaar und Petra Bender-Rheinschmidt hatten dazu spannende und lustige Geschichten ausgesucht.

Das Basteln eines echten Hexenbesens faszinierte die Jüngsten. Dabei konnten sie selbst Hand anlegen, der Hexenbesenmeister Mijo Bukovic unterstützte sie mit urigen Holzbengel und Besenginster. Ein mystischer Tanz mit Licht und wallenden Gewändern hatte Frauke Leupolz vorbereitet und zog die späten Besucher in Bann.

Zur Erfrischung gabs Apfelsaft, vor Ort frisch gepresst von der Süßmostgruppe Gernsbach, auch hier konnten interessierte Kinder aktiv mithelfen. Viele machten im Wolkensteinschen Hof kurze Rast, bevor sie den Rest des Stadtbuckels erklommen und die Attraktionen in der Liebfrauenkirche genossen.

Die Aufführung der Antiphonen fand in der Liebfrauenkirche statt.

Dort hatte Holger Becker, Organist, ein spannendes musikalisches Repertoire zusammengestellt. Die zahlreichen Besucher, die für ein volles Kirchenschiff sorgten, honorierten diese besonderen Darbietungen. Sicher war die Aufführung der Antiphonen ein Höhepunkt in der abendlichen Programmgestaltung der Liebfrauenkirche.

Das als Makulatur verwendete Doppelblatt eines klösterlichen Antiphonalbuches aus dem späten 13. Jahrhundert ist die älteste Handschrift im Gernsbacher Stadtarchiv. Eine Auswahl der daraus notierten Antiphonen wurde durch eine Schola unter Leitung von  Holger Becker gesanglich vorgetragen und das zur Besichtigung ausgestellte Originalpergament hörbar gemacht.

Außerdem hatte der Organist zu „Gothic pipes“ eingeladen und wurde jeweils mit einem gefüllten Gotteshaus für diese Aktion honoriert. Bekannte und weniger bekannte Orgelstücke tauchten zusammen mit entsprechender Illumination die gotische Liebfrauenkirche in eine bisher eher unbekannte Sphäre. Dazwischen sorgten Impulse von Stefan Major, Pastoralreferent der Katholischen Seelsorgeinheit Gernsbachs, für nachdenkliche Momente. Diese trug er zu Projektionen von Weltraumbildern vor, die von Stefan Hahne, Hobby-Astronom, zur Verfügung gestellt wurden und tiefe Einblicke in das Universum ermöglichten.

Ein abwechslungsreiches Programm war in St. Jakob geboten. Die Beleuchtung des Deckengemäldes hatte Walter Westhoff übernommen. Friedemann Schaber eröffnete und beschloss das musikalische Programm des Abends mit seinem Orgelspiel. Burgel Löwenthal bot zu später Stunde an der Orgel Abendlieder zum Mitsingen: „Nun ruhen alle Wälder“. Klezmer Musik präsentierten Sarah Haist mit Hansjörg Wallraff, während Werner Roth mit seinem Kammerorchester und Irene Jung mit ihrer Gruppe Musica Antiqua für weitere markante Programmpunkte an diesem Abend sorgten. Pfarrer Hans-Joachim Scholz trug Nachdenkliches zu den Musikdarbietungen vor.
Die breit gefächerten kulturellen Beiträge kamen durch die professionelle Beleuchtung der jeweiligen Stationen erst so richtig zur Geltung. Merlin electronic, Ottenau, hatte unter der Regie von Roland Peuker und Team in die Schatztruhe der Illuminations-Technik gegriffen. Das Marienhaus erhielt mit blau-roten Spots eine eigene Strahlkraft. Die Zehntscheuern waren in rotes Licht getaucht und zogen zahlreiche Fotografen an, die sich diese einmalige Gelegenheit nicht entgehen lassen wollten und diese magischen Lichtmomente einfingen.

Altes Rathaus

Im Zentrum der Beleuchtung stand das Alte Rathaus. Daran kam keiner vorbei, und die stimmungsvollen farbigen Strahler ließ das Renaissance-Palais in seiner ganzen Pracht erleuchten. Es strahlte von weitem und lud die Besucher ein, zum musikalischen Aktion mit Musica Antiqua oder Cello-Spiel des ASG. Viele nutzten auch den Abend, um dem Museum der Harmonie einen Besuch abzustatten.

Ganz besondere Akzente setzte die Beleuchtung der St. Jakobskirche. Der Storchenturm ragte hoch über die Stadtbefestigung empor, die illuminierte Stadtmauer bot eine ideale Kulisse für die schauspielernden Turmwärter. Auch das Kornhaus erstrahlte in faszinierendem Farbenspiel. 

Marktplatz-Brunnen

Die Brunnen waren mit Windlichtern geschmückt. Auch hier zeigte sich das gute Zusammenspiel der aktiven Gruppen: der Obst- und Gartenbauverein Gernsbach, die Von-Drais-Schule und die Bleichhexen hatten jeweils die Deko eines der Altstadtbrunnen übernommen.

Noch jetzt, Wochen nach diesem Spektakel, sind die Erinnerungen an den Abend sehr lebendig und tauchen in den Gesprächen der Gernsbacher immer wieder auf.

Keiner konnte alle Aktivitäten mitmachen, doch das Bestaunen der beleuchteten Denkmäler und die vielen Gespräche mit Nachbarn und Bekannten, die man schon lange nicht mehr ohne Zeitdruck getroffen hatte, machten diesen Abend für alle Besucher und Teilenehmer zu einem unvergesslichen Erlebnis.

Nochmals darf ein herzliches Dankeschön an alle Aktiven ausgesprochen werden, auf den Bühnen und hinter den Kulissen, in der Verwaltung und im Bauhof, die Licht-Techniker und an die vielen Ehrenamtlichen, die zum Gelingen dieses besondern Ereignisses beigetragen haben: sie haben uns ein tolles Geschenk zur 800-Jahr-Feier gemacht, an das sich alle, die dabei waren, noch lange erinnern werden.

Text: Regina Meier
Fotos: Werner Meier

Dieser Beitrag erschien im “Gernsbacher Boten” 4/2019  im Casimir Katz Verlag am 26. November 2019


Die siebziger Jahre in Gernsbach

Die Feierlichkeiten zur 800-jährigen Geschichte der Stadt Gernsbach haben eine intensive Beschäftigung mit der lokalen Historie angestoßen. Dabei rücken nicht nur die vergangenen Jahrhunderte in den Mittelpunkt der Betrachtung, vielmehr wird auch die jüngere Vergangenheit zunehmend beachtet.

Ein wichtiges Jahrzehnt für Gernsbach waren die 1970er Jahre. Bislang nicht sonderlich beachtet, haben sie für die Entwicklung Gernsbachs herausragende Bedeutung. In diesen Jahren erhielt Gernsbach seine heutige Struktur. Nicht nur die Gemeindereform sorgte für veränderte Verhältnisse, neue kommunale Bauten veränderten das Gesicht von Gernsbach. Im Bereich Handwerk und Handel sorgten die Strukturänderungen für neue Formen des Kaufens und Verkaufens. Mit dem Jugendzentrum und dem Kommunalen Kino entstanden zwei neue Ausdrucksformen kulturellen Lebens. Bedeutsam war auch das Entstehen der Altstadtfeste, ursprünglich als Bürgerfest initiiert, von dem man nicht erwartete, dass es über 40 Jahre Bestand haben würde. Aber auch die Uranfunde im Waldbachtal hielten die Stadt in Atem. 

Dieser Beitrag kann nicht umfassend die gesamte Entwicklung des Jahrzehnts behandeln, anhand einzelner Ereignisse kann man schlaglichtartig den Puls der Zeit spüren.

Einschneidende Veränderungen in der Verwaltung

Anfang der siebziger wurde die Gemeindegebietsreform umgesetzt. Dieser Verwaltungsakt hatte das Ziel, leistungsfähigere Gemeinden zu schaffen. Durch diese größeren Verwaltungseinheiten erwartete sich die damalige Landesregierung eine effizientere Arbeit in den Gemeinden.

Eingemeindung
Die Eingemeindungen von Staufenberg, Lautenbach, Reichental und Obertsrot-Hilpertsau bestimmten das lokalpolitische Geschehen in den siebziger Jahren.

Im Zuge der dieser Gemeindereform kamen Staufenberg  (1.1.1971), Lautenbach (1.1.1973), Obertsrot-Hilpertsau (1.7.1974) und Reichental (1.1.1975) zu Gernsbach hinzu.

Bereits bei der ersten Eingliederung von Staufenberg gab es vorab viele Abstimmungen. Von den knapp 800 abgegebenen Stimmzetteln stimmten 629 für „Ja“ (79 Prozent). Eine der Forderungen Staufenbergs nach einem beheizten Freischwimmbad im Hahnbachtal wurde der Stadt Gernsbach zurückgegeben und erhitzte noch lange die Gemüter. Die Eingliederung Lautenbachs lief in ruhigeren Bahnen. Letztlich wurde in einem Festakt der ausscheidende Bürgermeister Alois Schiel feierlich verabschiedet. Hilpertsau und Obertsrot fusionierten 1970. Die beiden Gemeinden verbanden schon längst viele Gemeinsamkeiten. Recht zügig wurde das 19 Paragraphen umfassende Schriftstück über den Eingemeindungsvertrag mit Gernsbach erarbeitet und schließlich zum 1. Juli 1974 unterzeichnet. „Ab 1.1.1975 gehört Reichental zur Stadt Gernsbach“, so beginnt die Titelseite des Stadtanzeigers 1975. Damals wurde in der Silvesternacht durch den Bürgermeister Oswald Sieb über die Ortsrufanlage die Neuigkeit verkündet. Er ging in seiner Ansprache auch darauf ein, dass sich die Mehrheit der Reichentäler wohl für eine Eigenständigkeit der Gemeinde entschieden hätte, aber dies verwaltungsrechtlich nicht durchsetzbar war.

Bürgermeister Rolf Wehrle
Bürgermeister Rolf Wehrle (Mitte) mit Wolfgang Dieterle (links) und seiner Frau Irene. Foto: Stadtarchiv Gernsbach

Die Eingemeindungen waren ein wahrer Prüfstein für den neugewählten Bürgermeister Rolf Wehrle. Er hatte 1969 das Amt von dem langjährigen Bürgermeister August Müller übernommen und stand sogleich den Herausforderungen der Gemeindereform gegenüber, eine Aufgabe, bei der nicht nur er Neuland betrat.

Neubauten verändern das Gesicht der Stadt

Hochhaus Baccaratstraße
Der Neubau in der Baccaratstraße gehörte zu den ersten hohen Häusern in Gernsbach. Foto: Stadtarchiv Gernsbach

In Gernsbach wurde in den siebziger Jahren der Trend der Zeit, Hochhäuser in den Zentren und Hochhaussiedlungen an den Stadträndern zu bauen, ebenfalls umgesetzt. Die Entwicklung ging in Richtung autogerechte Stadt. Großbaustellen wurden begonnen, alte Häuser hatten wenig Fürsprecher, die siebziger Jahre waren eher ein Zeitalter des Abrisses.

Einschneidende Veränderungen fanden in der Waldbachstraße statt. Bis in die siebziger Jahre beherrschten eng aneinandergebaute kleine Häuser die schmale Straße. Die traditionelle Heimat von Handwerkern wie Schlosser und Drechsler sowie Händlern gehörte der Vergangenheit an. Die Häuser zeigten Spuren der Zeit, sie waren zum großen Teil sanierungsbedürftig. Nach und nach wurden sie abgerissen, auf den Freiflächen entstanden neue Parkmöglichkeiten für den rasant ansteigenden Individualverkehr. Es gab keine Blumenrabatte oder Baumpflanzungen, was die Straße nicht attraktiv machte. Heute ist die Straße mit seinem freigelegten Lauf des Waldbaches und dem unversperrten Blick auf die Stadtmauer eine Attraktion. Die Umgestaltung der Waldbachstraße kann als Gewinn für die Altstadt verbucht werden.

Alter Bauhof
Der alte Bauhof hinter dem Rathaus. Foto: Stadtarchiv Gernsbach

Einen völligen Wandel erfuhr in den Siebzigern auch der Bereich hinter dem heutigen Gernsbacher Rathaus. Dort war der Bauhof untergebracht. Das Rathaus platzte aus allen Nähten, ein Erweiterungsbau wurde beschlossen. Dazu musste der alte Bauhof abgerissen werden, er zog in ein neues Gebäude in der Nordstadt um.

Feuerwehrhaus
Das alte Feuerwehrhaus hinter der Kelter, heute Bereich Kelterplatz/Salmenplatz.

Auch auf dem nahen Kelterplatz waren die Bagger zu Gange. Die alte Kelter an der Gottlieb-Klumpp-Straße, ein großes städtisches Wohnhaus und das Feuerwehrhaus verschwanden. Lediglich das Anwesen Hofer befand sich nicht in städtischer Hand und trotzte den geplanten Veränderungen. Am 5. Mai 1973 wurde das neue Feuerwehrhaus in der Schwarzwaldstraße eingeweiht. Die Tage des Feuerwehrhauses in der Kernstadt gehörten der Vergangenheit an.

Auf den Wiesen, die einst zu dem Mädchenheim Bethesda gehörten, wurde ein Schulhaus errichtet: 1972/73 nahm die Realschule dort ihren Betrieb auf und wurde 1974 zur selbstständigen Bildungsanstalt erhoben. Federführend für diese Einrichtung waren Heinz Wiggert, Rektor der Volksschule, und Bürgermeister Rolf Wehrle, die ab 1970 alle Hebel in Bewegung gesetzt hatten, um eine Realschule schaffen.

Strukturelle Änderungen in Handel und Handwerk

Der Einzelhandel wandelte sich grundlegend: traditionelle Einkaufsmöglichkeiten wurden durch Selbstbedienungsläden und moderne Warenpräsentation ersetzt.

Bestes Beispiel dafür geben die Gernsbacher Bekleidungsgeschäfte jener Zeit ab: Das Modehaus Olinger wie auch Motex bieten ihre Waren in einer völlig geänderten Präsentation an. An der Hofstätte entsteht eine neue Filale von Motex, die sich auf Herrenbekleidung spezialisierte.

Siegeszug Altstadtfest beginnt

Beim ersten Altstadtfest 1975: Brückenmühle-Besitzer Karl Braun neben Bürgermeister Rolf Wehrle. Foto: Stadtarchiv Gernsbach

Das erste Altstadtfest 1975 zog Tausende von Besuchern in die Stadt, damit hatte keiner gerechnet. Die Straßen waren voller Menschen, die Stände der Vereine und Gruppen waren am Sonntag leergekauft. Vereine,

Gewerbetreibende und Gastronomen sowie Anwohner machten engagiert mit, die Altstadt zu einem Ort der Begegnung und zu einer Festmeile zu machen, bei der bürgerschaftliches Denken fröhlich zelebriert wird. Das Fest, das als einmalige Aktion geplant war, wurde nun jährlich abgehalten.

Bei den ersten Altstadtfesten führten die teilnehmenden Gruppen den Reingewinn der Festbewirtung zugunsten der Renovierung des Alten Rathauses ab. Die grundlegende Sanierung des Alten Rathauses fand in den Jahren 1976 bis 1979 statt – eine weitere kommunale Baustelle in den siebziger Jahren.

Übrigens war es beim 3. Altstadtfest 1977, als in den Kirchen an Hanns-Martin Schleyer gedacht wurde. Er war wenige Tage zuvor entführt worden, sein Schicksal war ungewiss. In der St. Jakobskirche mit Pfarrer Manfred Diegel und im Marienhaus mit Prälat Bruno Wittenauer fanden Gedenken für den entführten Arbeitgeber-Präsidenten statt, der Tage zuvor noch sein Kommen zum Altstadtfest angekündigt hatte.

Ausdruck des Zeitgeistes: Juze Gernsbach

Jugendzentrum
Das Juze in der Waldbachstraße. Foto: Gareus-Kugel

Mit dem Jugendzentrum e.V. wurde in den 1970er Jahren ein Verein geschaffen, der wohl aus dem Zeitgeist heraus entstand und von lokalen Akteuren getragen wurde. Anfänglich mit politischer Motivation ins Leben gerufen, entwickelte sich das selbstverwaltete Jugendzentrum schnell zu einem beliebten Treff der Jugend. Es bot einen Freiraum jenseits der kommerziellen beziehungsweise staatlich oder kirchlich regulierten Angebote. Weltanschauliche Auseinandersetzungen und kontroverse Diskussionen, gepaart mit alternativen Musikangeboten machten den besonderen Reiz des Treffs aus. Von Seiten der Stadtverwaltung wurde ein kleines Haus in der Waldbachstraße zur Verfügung gestellt. Die Ausgestaltung der Räume wurde von den Mitgliedern des Vereins organisiert, alte, ausrangierte Polstermöbel bildeten das Inventar, auch ein Klavier gehörte dazu. Prägnant war die Bemalung der Fassade des alten Gebäudes in Richtung Waldbachstraße.

Nach dem Abriss des Gebäudes fand der Umzug des Juze-Treffs 1977 in die ehemalige Papiermacherschule am Färbertorplatz statt. Auch hier hatte der Verein mit Bürgermeister Rolf Wehrle und Hauptamtsleiter Wolfgang Dieterle gewichtige Fürsprecher für ihr Anliegen, ein eigenverwaltetes Refugium zu haben. Der Verein Juze hatte als Aushängeschild die Open-Air-Konzerte im Kurpark, die eine starke Resonanz erfuhren. 1971 fand das erste Konzert statt, weitere folgten im jährlichen Rhythmus bis in die achtziger Jahre.

Drohender Uranabbau im Waldbachtal

Uran-Stein Waldbachtal
“Das Uran bleibt drin” wurde auf dem Stein im Waldbachtal graviert. Foto: Rolf Thilenius

Die Auswirkungen der weltweiten Ölpreiskrise 1973 bescherte der Bundesrepublik nicht nur autofreie Sonntage, sondern auch eine Suche nach alternativen Energiequellen. Die Kenntnis von Uranvorkommen im Waldbachtal ließ Pläne entstehen, diese wirtschaftlich abzubauen. Gegen dieses Vorhaben machten nicht nur Kritiker der Kernenergie mobil, sondern ließ auch eine Allianz von Naturschützern in Vereinen und Privatpersonen entstehen, die sich dem Abbau des Urans im Waldbachtal entgegensetzten. 1978 fand eine Bürgerversammlung in der Stadthalle statt, bei der über 600 Teilnehmer sich über die Pläne des Wirtschaftsministeriums informierten und ihren Bedenken für den Erhalt der Landschaft und gegenüber dem Sinn des Uranabbaus Luft machten.

Letztlich scheiterte das Unterfangen, weder die zu erwartende Menge noch die Qualität des Urans hatte die ersten Erwartungen erfüllt. Was blieb ist ein Stein im Waldbachtal mit der Aufschrift „Das Uran bleibt drin“, ein Relikt der damaligen Aktivisten, um auf die Probleme des Abbaus aufmerksam zu machen.

Abschied von scheinbar Unverrückbarem

Noch vieles mehr entstand in den siebziger Jahren: angefangen von der Neuordnung der Wasserversorgung bis hin zum Papierzentrum in der Scheffelstraße. Ein eigenes Kapitel wäre den sportlichen Leistungen in den Siebziger zu widmen, wie z.B. im Trampolinspringen. Von scheinbar unverrückbaren Gegebenheiten musste man Abschied nehmen: So machten sich schon Mitte der siebziger Jahre Verwaltung und Krankenhausleitung Sorgen um den Erhalt des Gernsbacher Krankenhauses. Die Dampflokomotiven verschwanden unspektakulär, was in der Rückbetrachtung gar nicht mehr genau datiert werden kann. Da bedarf es schon genaurer Sicht in die Archive, denn das eigene Erinnern täuscht so manches Mal.

Regina Meier

Dieser Beitrag erschien im “Gernsbacher Boten” 3/2019″ im Casimir Katz Verlag am 10. September 2019

Nach 50 Jahren zurück nach Berlin

Bereits im Editorial von Heft 1/2019 haben wir auf das Jubiläumsjahr 2019 für die Zeitschrift „Der Betriebswirt“ hingewiesen. Auch in dieser Ausgabe erlauben wir uns daher einen Rückblick auf die Zeitschrift aus dem Jahr 1950, in der Erich Kosiol eine umfangreiche Würdigung von Friedrich Leitner (1874 – 1945) veröffentlichte. Leitner, der auch als einer der Pioniere der Betriebswirtschaftslehre gilt, hat sich große Verdienste um die Anerkennung seiner Disziplin in der Hochschullandschaft erworben. Mit dem Beitrag „Auf den innersten Kern unternehmerischen Handels besinnen“ schauen wir auf die Leistung eines Vorreiters der Betriebswirtschaftslehre zurück.

2019 gibt es noch eine weitere runde Zahl für den Deutschen Betriebswirte-Verlag: 50 Jahre, nachdem der Verlag von Berlin nach Gernsbach wechselte, kehrt er nun wieder an seinen „Geburtsort“ zurück. Der Verlag Duncker & Humblot, Berlin, hat das Buchprogramm des DBV übernommen. 50 Jahre lang wurden die Geschicke des Verlags von der traditionsreichen Adresse Bleichstraße 20-22 in Gernsbach gelenkt. Nun werden die Weichen in dem nicht minder renommierten Domizil des Verlags Duncker & Humblot in Berlin gestellt.

Doch der Blick dieser Ausgabe ist nicht nur rückwärts gewandt. Gleich der erste Beitrag des Heftes behandelt ein brandaktuelles und zukunftgerichtetes Thema: unser Verhalten in den Social Media Kanälen. Prof. Dr. Ralf Kreutzer geht mit dem Thema sehr kritisch um. In „The Dark Side of Smartphone, Social Media & Co.” beleuchtet er Seiten des Social-Media-Verhaltens, die uns  zu denken geben.  Eine Darstellung einer arbeitswertstrategischen  Personalplanung „Der geplante Mensch im Unternehmen“ wagt Prof. Dr. Heinz-J. Bontrup in seinem Beitrag. Die Zukunft nehmen auch Prof. Dr. Marion A. Weissenberger-Eibl und Tamara Huber in ihrem Aufsatz „Das Potenzial der Strategischen Vorausschau zur Reduktion kognitiver Verzerrungen“ in Blick. Ebenso verhält es sich mit den Ausführungen von Prof. Dr. Christoph Mingtao Shi und Johannes Leopold Köppl über „Chinas Umwelt: Herausforderungen, Lösungsansätze und Politiktrends“. Eine ökonomische Betrachtung des Bildungsmarktes unternehmen Prof. Dr. Marita Balks und Philipp S. Kummer in ihrem Beitrag „Marktchancen im Nachhilfe-Bildungsmarkt“.

Somit vereint auch diese Ausgabe nicht nur die verschiedenen Ebenen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, sondern bietet auch eine breite Palette an behandelten Themen.

Viel Vergnügen beim Lesen dieser Ausgabe

wünscht

Regina Meier
Redaktion
Der Betriebswirt

Editorial „Der Betriebswirt“ Ausgabe 3/2019

 

Auf den innersten Kern unternehmerischen Handelns besinnen

Würdigung des Vorreiters der Betriebswirtschaftslehre Friedrich Leitner

In der Zeitschrift „Der Betriebswirt“ wird immer mal wieder ein Rückblick auf die ersten Ausgaben dieser Publikation geworfen. In diesem Zusammenhang wurde ein Beitrag von Erich Kosiol ans Tageslicht befördert, den er 1950 in der ersten Ausgabe nach dem Zweiten Weltkrieg in „Der praktische Betriebswirt“ publiziert hat. Das erklärte Ziel dieser Zeitschrift war es,  „die Anerkennung der Betriebswirtschaftslehre als wissenschaftliche Disziplin“ zu erreichen. „Die betriebswirtschaftlichen Erkenntnisse haben sich in Wirtschaft und Verwaltung immer mehr durchgesetzt.“

Einen wesentlichen Beitrag zu diesem Anliegen leistete in dieser ersten Ausgabe Erich Kosiol, damals Direktor des Betriebswirtschaftlichen Instituts der Freien Universität Berlin. Darin würdigte er die Leistungen von Friedrich Leitner, den damals bereits verstorbenen Betriebswirtschaftler, der bahnbrechende Beiträge für die Betriebswirtschaft geschrieben hat und die ersten Schritte des neuen Wissenschaftszweigs mit seinen Lehren begleitete. Erich Kosiol beginnt in seinem Aufsatz mit einer Darstellung der Betriebswirtschaftslehre. Dieser Absatz schließt mit den Ausführungen:

“Die Betriebe, ob Haushalte oder Unternehmungen, sind die Wirkungszentren und Formungselemente der Wirtschaft. Der Betrieb wird zur kardinalen Kategorie, zum Zentralbegriff der wissenschaftlichen Disziplin. Durch dieses Verständnis der Wirtschaft wird der Betrieb selbst, der Aufbau und das Leben aller seiner Erscheinungsformen, zum Untersuchungsgegenstand des Faches. Die nicht selten vertretene Einengung der Betriebswirtschaftslehre auf eine Lehre vom Betrieb oder von der Unternehmung ist jedoch wissenschaftlich unhaltbar. Sie würde eine Horizontverengung bedeuten, die jedes ausreichend begründete Urteil über wirtschaftliche, ja sogar innerbetriebliche Tatbestände ausschließt, eine Verkümmerung und Verarmung betriebsökonomischen Denkens, die jede Forschung unmöglich macht, ein Zerreißen wirtschaftlicher Zusammenhänge, das nicht einmal für den praktischen Unternehmer, geschweige denn für den Wissenschaftler zulässig ist. Der Betrieb wird vielmehr zum Orientierungszentrum und  Beurteilungsmerkmal für die wissenschaftliche Betrachtungsweise. Ob z. B. Marktformen, Fragen der Preisbildung, die Verteilung des Sozialproduktes, Währungsprobleme, Fragen der Besteuerung oder auch wirtschaftspolitische Maßnahmen untersucht werden sollen, stets wählt die betriebswirtschaftliche Forschung ihren Ansatzpunkt in den Betrieben
als Aktions- oder Wirkungszentren. Der Betriebswirtschaftler sucht alle wirtschaftlichen Erscheinungen aus den Betrieben her zu erklären oder bis in die Betriebe hinein zu verfolgen. Ihn treibt die mikroökonomische Betrachtungsweise. Die Betriebswirtschaftslehre untersucht die Wirtschaft unter dem Aspekt ihrer Zusammengesetztheit aus Betrieben. Sie ist die Lehre von der Betriebswirtschaft als einer betriebsweisen Wirtschaft.”

Daran anschließend geht er auf die besonderen Leistungen von Friedrich Leitner ein, der als Professor der Wirtschaftshochschule sich um die Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät der Freien Universität verdient gemacht hat.

“FRIEDRICH LEITNER stammt aus Wien, wo er die Oberrealschule, die Handelsakademie und die Universität besucht. Nach mehrjähriger kaufmännischer Praxis im Bank- und Speditionsgeschäft wird er Assistent an der Wiener Handelsakademie. Nach bestandener Staatsprüfung für das Handelslehramt geht er als Oberlehrer 1898 nach Mainz und 1903 nach Frankfurt a.M., um zugleich als nebenamtlicher Dozent an der Akademie für Sozial- und Handelswissenschaften zu wirken.

Bei Gründung der Handelshochschule Berlin wird er neben Schär 1906 als hauptamtlicher Dozent berufen und 1908
zum ordentlichen Professor der Handelswissenschaft ernannt. 1924 machte ihn die Staatswissenschaftliche Fakultät der Universität Tübingen zu ihrem Ehrendoktor. Die Technische Hochschule Berlin ernannte ihn 1925 zum Honorarprofessor. Berufungen nach Leipzig, Mannheim und Stockholm hat Leitner abgelehnt. Er ist Berlin bis zu seiner Emeritierung 1938 treu geblieben.

Die vielseitige wissenschaftliche Produktivität Leitners kommt in seinen zahlreichen Schriften zum Ausdruck, die hohe Auflagen erreichten. 1901 erscheint seine erste Veröffentlichung über „Die private Versicherung im Dienste des Kaufmanns”. Noch vor seiner Berufung nach Berlin bringt er zwei Werke heraus, die sein wissenschaftliches
Ansehen begründen: Das Bankgeschäft und seine Technik, 1903; Die Selbstkostenberechnung industrieller Betriebe, 1905. Hier zeigt sich die tiefe Verankerung Leitners in der Tradition der österreichischen handelswissenschaftlichen Schule, die auch seinen methodologischen Standort und seine geistige Grundhaltung nachhaltig beeinflußt hat. Es zeugt zugleich von der wissenschaftlichen Selbständigkeit Leitners, daß er das bisher vernachlässigte Gebiet der Kalkulation aufgreift und sich der Erforschung der Industriebetriebe zuwendet.

Als Niederschlag seiner intensiven Berliner Tätigkeit – man lese nur die Fülle der Vorlesungen und Übungen im ersten Rektoratsbericht für die Jahre1906/09 nach – erscheint 1909 und 1911 in zwei Bänden der groß angelegte „Grundriß der Buchhaltung und Bilanzkunde”, der Jahrzehnte hindurch eines der wertvollsten Lehrbücher auf diesem Gebiete gewesen ist.
Einen weiteren Vorstoß in unerschlossenes Neuland unternimmt Leitner, als er 1917 „Die Kontrolle, Revisionstechnik und Statistik in kaufmännischen Unternehmungen” veröffentlicht und damit den Problemen der betriebswirtschaftlichen Überwachung gebührende Beachtung verleiht.

Erst relativ spät unternimmt Leitner den Versuch, eine systematische Grundlegung seines Fachgebietes zu geben. 1919 erscheint seine „Privatwirtschaftslehre der Unternehmung”, die 1926 von der 5. Auflage ab den Titel „Wirtschaftslehre der Unternehmung” erhält. Sie wird zwölf Jahre später (1931) als Frucht einer tiefschürfenden methodologischen Besinnung ergänzt durch eine programmatische Abhandlung unter der für Leitners wissenschaftstheoretischen Standpunkt überaus charakteristischen Bezeichnung „Renaissance der Privatwirtschaftslehre”. Man sieht daraus, wie zögernd und ernsthaft der Forscher an die letzte entscheidende Orientierung seiner Grundauffassungen herangegangen ist. Daß sich Leitner in den Jahren 1923/24 mehrfach zu den aktuellen Themen der Geldentwertung und Umstellung auf Goldmark äußert, entspricht der Lebensnähe und praktischen Bezogenheit seiner ganzen Arbeitsweise, die alle Veröffentlichungen Leitners kennzeichnet und ihre Tiefenwirkung in der Wirtschaft weithin hervorgerufen hat.

1927 kehrt Leitner in gewissem Sinne zum Start seiner Forschungstätigkeit zurück und verfaßt in der angesehenen Sammlung Göschen einen Band über „Finanzierung der Unternehmungen”. Noch als Emeritus gibt er 1944 eine Überschau über die „Wirtschaftslehre des Industriebetriebes”, von der er selbst sagt, daß er sie unter dem Einfluß der Weisheit des Laotse geschrieben habe: Klar sieht, wer von ferne sieht.

Leitner ist der ausgeprägte Vertreter einer methodologischen Forschungsrichtung in der Betriebswirtschaftslehre, die Schönpflug treffend als die empirischrealistische bezeichnet hat. Er geht von der mit unmittelbarer Evidenz gegebenen Wirklichkeit wirtschaftlichen Geschehens als realitas formaliter im Sinne Descartes’ aus und macht sie zum alleinigen Gegenstande seiner Erkenntnisziele. Daher ist Leitner ständig bemüht, seine Forschungsergebnisse, wie er selbst sagt, praktisch-empirisch und konkretisierend zu begründen, d.h. durch ausgedehntes Tatsachenmaterial und umfassende Detailuntersuchungen in der Wirtschaftspraxis zu untermauern. Einer gedachten Wirklichkeit als realitas objective steht er neutral gegenüber. Wenn ihre Existenz auch nicht bestritten wird, die logische Möglichkeit einer metempirischen Welt auch zugestanden wird, so liegt sie nach Leitner doch außerhalb der wissenschaftlichen Sphäre der Fachdisziplin.

Leitner bekennt sich in seiner ganzen Forschungsweise zur These einer wertfreien Wissenschaft. Jede Aufstellung und Begründung von Normen, jede Beurteilung von Werten und jeder Versuch, dem Seienden postulatorisch ein Sein-Sollendes gegenüberzustellen und nach wirtschaftspolitischen Idealen die reale Wirtschaft umzugestalten, wird von Leitner, in Übereinstimmung mit dem mehr theoretisch eingestellten Rieger, als Grenzüberschreitung objektiver Wissenschaft abgelehnt. Ihre Aufgabe ist es, die konkrete Erfahrungswelt in ihrem Seinszustand und Tatsachenzusammenhang rein explikativ zu erklären. Unter Verzicht auf jede teleologische Zielsetzung beschränkt sich Leitner auf eine naturalistisch orientierte, kausalgenetische Forschungsmethodik.

Aus dieser positivistischen Grundposition Leitners erklärt sich auch seine starke Abneigung gegen abstrakt-theoretische Problemstellungen. Er verwendet überwiegend induktive Forschungsmethoden und mißtraut auf deduktivem Wege gewonnener Systematik. Nach seinen eigenen Worten sind der Erkenntnis um ihrer selbst willen enge Grenzen gezogen. Man muß ihm zustimmen, wenn er wirklichkeitsfremde Theorien im reinen Äther mit Nachdruck ablehnt.
Seine pragmatische Zielsetzung ist auf die Zweckmäßigkeit wirtschaftlichen Handelns gerichtet. Für ihn ist die Einzelwirtschaftslehre eine angewandte Wissenschaft, bei der technologische Fragen der praktischen Gestaltung im Mittelpunkt stehen.L eitner geht zwar von der Konzeption einer universellen Einzelwirtschaftslehre aus, begrenzt aber für sich das Erkenntnisgebiet auf die Unternehmung in einem genau präzisierten, speziellen Sinne. Die Haushaltsbetriebe scheidet er als Konsum- oder Deckungswirtschaften aus. Die Erzeugungsbetriebe, die Leitner als Erwerbs- oder Ertragswirtschaften bezeichnet, werden nur so weit einbezogen, als sie privatwirtschaftlich orientiert sind und unternehmungsweise betrieben werden.

Damit stehen die gemeinwirtschaftlichen und die handwerksmäßig betriebenen Erwerbswirtschaften außerhalb seiner Forschungsaufgabe. So gelangt Leitner, zumindest als Nahziel der Fachdisziplin, zu einer Privatwirtschaftslehre der erwerbswirtschaftlichen Unternehmungen. Rückt man derart das individuelle Ertragsstreben des  Wirtschaftssubjektes und das hierfür eingesetzte Sondervermögen in den Mittelpunkt der Betrachtungsweise, so wird die Privatwirtschaftslehre nach ihrer letzten Zielsetzung zu einer Rentabilitäts- oder Spekulationslehre der kapitalistischen Erwerbswirtschaften. Dabei ist es für Leitner gleichgültig, ob das Wirtschaftssubjekt eine privatrechtliche oder öffentlich-rechtliche Person ist und wem der Überschuß zufließt.
Handelt es sich um den nützlichen Einsatz der konkreten Erwerbsmittel zur Erreichung des gesteckten Ertragszieles, so erweist sich die Privatwirtschaftslehre in ihrem Kern als eine Verwaltungs- oder Organisationslehre zur ökonomisch-technischen Durchführung des Erwerbsstrebens.

Leitner wehrt sich daher dagegen, das privatwirtschaftliche Interesse mit Egoismus
der Motive oder Geldverdienen gleichzusetzen. Die Privatwirtschaftslehre ist für ihn keine Profitlehre, sondern eine Wissenschaft von der Rationalisierung der Volkswirtschaft durch Rationalisierung der Einzelwirtschaft. Leitner versteht unter Ertrag nicht den Reingewinn schlechthin, sondern einen engeren Betriebsgewinn, der als Summe der  weckbestimmten, organischen, ordentlichen Gewinne aus äußeren und inneren Markt- und  Betriebseinflüssen durch fortgesetzte Unternehmertätigkeit entsteht. Er beruht auf Leistungen, die unmittelbar aus der organisatorischen Verbindung und zweckbestimmten Verwendung von Vermögen und Arbeit entspringen. Nichtbetriebliche, anorganische
und Zufallsgewinne sind in ihm nicht enthalten. Die Wertung betriebswirtschaftlicher
Erscheinungen vom subjektiven Unternehmerstandpunkt mag für die Sozialökonomik
zu eng sein, für die Einzelwirtschaftslehre ist diese Grundauffassung nichtig, so erklärt Leitner 1930 in seiner berühmt gewordenen Rektoratsrede.

Er sieht keine Möglichkeiten, Wirtschaftlichkeit oder gemeinwirtschaftliche Produktivität
zu beurteilen und zu messen. Hieraus erklärt sich auch seine sachliche Polemik gegen Schmalenbach und Nicklisch. Leitner steht auf dem Standpunkt, daß der sich anbahnende Strukturwandel in der Wirtschaftsordnung, der allmähliche Übergang zu gebundener oder
gelenkter Wirtschaftsorganisation, den Schmalenbach auf den kapitalintensiver
Wirtschaftsweise immanenten Tatbestand abnehmender Kostenelastizität zurückgeführt hat, den innersten Kern unternehmerischen Wirtschaftens, die Notwendigkeit, rentabel zu wirtschaften, nicht grundlegend geändert habe. Er sieht daher gerade für die Gegenwart
die Aufgabe der Privatwirtschaftslehre darin, zu zeigen, wie trotz der vorbelasteten
Unfreiheit gegenüber der autonomen Marktpreisbildung rentabel, wie trotz der Gebundenheit vernunftgemäß und zweckorientiert gewirtschaftet werden kann.
Wenn man auch, sei es im System seiner Privatwirtschaftslehre, sei es in Einzelheiten
seiner Schlußfolgerungen, der wissenschaftlichen Auflassung Leitners nicht beizupflichten vermag, man muß der klaren Konsequenz seines Denkens, dem Wahrheitsdrang und dem Ernst seiner Forschungsarbeit sowie dem Ausmaß undder Tragweite seiner  wissenschaftlichen Leistungen höchste Achtung zollen. Gerade durch die eindeutige Fixierung des von ihm bezogenen Standortes hat Leitner eine wissenschaftliche Selbstbesinnung vollzogen, die methodologisch bereinigend gewirkt und die Bahn für
eine Auflösung der Gegensätze frei gemacht hat.

Er selbst hat später eine Synthese der Betriebs- und Privatwirtschaftslehre zu einer einheitlichen allgemeinen Wirtschaftslehre der Erwerbswirtschaften vorgeschlagen, der er durch Betonung des Allgemeingültigen, Generellen mehr theoretischen Gehalt geben möchte. Hieraus ergibt sich dann die Notwendigkeit, das allgemeine Rationalprinzip
der Wirtschaftlichkeit zur Dominante der Betrachtungsweise zu erheben und den
Rang der nur betriebsbezogenen, einzelwirtschaftlichen Rentabilität hiermit in
Einklang zu bringen. Leitner übersieht keineswegs die engen Grenzen, die der Selbständigkeit einer Privatwirtschaftslehre gezogen sind. Nach seiner Meinung ist der Betrieb als Objekt wirtschaftswissenschaftlicher Forschung verhältnismäßig beschränkt.
Der Brunnen der Erkenntnis seines Wesens sei nicht tief und bald ausgeschöpft.  Er warnt vor einer Überschätzung der rein innerbetrieblichen Fragen, vor einer isolierenden Betrachtung der Betriebszusammenhänge, die er als geistige Autarkie bezeichnet.
Auch die Betriebswirtschaftslehre muß nach ihm auf dem sinnvollen Verstehen der Ganzheit der Gesamtwirtschaft beruhen.

Leitner forderte von der Betriebswirtschaftslehre, dass sie sich weniger in den Dienst des Betriebes, der Unternehmung und der  Verbände, sondern mehr als bisher in den Dienst der Allgemeinheit stelle. Aus diesem Dilemma zwischen einzelwirtschaftlicher Kausalität und determinierender außerbetrieblicher Überkausalität sieht Leitner nur einen Ausweg:
Die Einschmelzung der Privatwirtschaftslehre in eine Gesamtlehre von der Wirtschaft, in der sie als Unterganzheit mit eigenen Prinzipien der Stoffauswahl bestehen bleiben soll.
Damit nähert sich der Forscher der neuen Auffassung, wonach die  Betriebswirtschaftslehre den Betrieb als organisatorische Wirtschaftseinheit zum mikroökonomischen Orientierungszentrum ihrer Forschungsmethode für alle wirtschaftlichen Phänomene wählt. Er führt eine Reihe von Erscheinungen an, die
nur scheinbar eine ausschließliche Domäne der Sozialökonomik bilden, auf die aber mit großem wissenschaftlichen und praktischen Nutzen betriebswirtschaftliche Methoden angewendet werden könnten. Es ist überaus beachtenswert, wenn der empirisch-realistisch orientierte Forscher betont, daß der rationalistische Positivismus einer  nüchternen, sachlichen, d. h. unpolitischen Tatsachenforschung ohne Hypothesen auf die Dauer nicht befriedigen kann. Eine betriebstechnische Privatwirtschaftslehre, ein  Aufgehen der Betriebswirtschaftslehre in noch so verfeinerte Techniken und  Rechenverfahren lehnt er ab und kennzeichnet die drohende Gefahr der Verflachung, des
Rückfalls in ein diffuses Stoffwissen als Atomisierung der Fachdisziplin. 

Wenn auch Leitner zu den markantesten Vertretern einer wertfreien  Einzelwirtschaftslehre gehört, so bleibt er doch nicht ohne teleologischen Einschlag.  Er führt aus: Die Organisationslehre der Ertragswirtschaften hat das Sein-Sollende
theoretisch zu erörtern, das Bestehende zu kritisieren und Richtlinien des Handelns
aufzustellen. Die Einzelwirtschaftslehre führt naturgemäß zu Werturteilen über
das Sein-Sollen und mündet so in eine einzelwirtschaftliche Wirtschaftspolitik.
Obwohl in der Wirtschaftslehre kein Raum für ethische und soziale Werturteile ist, weil es an einer Norm und einem Vergleichsmaßstab fehlt, so gibt es nach Leitner doch eine individuelle Wertung wirtschaftlicher Handlungen vom Standpunkt des Wirtschaftlers aus, eine Beurteilung des Nützlichen und des Schädlichen, des Günstigen und des Ungünstigen für die eigene Wirtschaft, deren Maßstab im Aufwand zu sehen ist. Der Sinn, ein den Tatsachen übergeordnetes Sein-Sollen, des Wirtschaftslebens liegt für Leitner im Diesseits, ist eine subjektive Kategorie. Wenn auch das Prinzip der Wertbeziehung
im letzten nicht normativ ist, der Apriorismus sich zwar auf Werte bezieht, ohne selbst werten zu wollen, wenn auch die Auswahl des Wesentlichen auf immanenten
Maßstäben beruht, so verwischen sich doch die Grenzen der empirischen Explikation gegenüber einer wirtschaftspolitischen Tendenz und pragmatischen Teleologie auf realistischer Grundlage. Leitner steht den empirisch begründeten und  unvoreingenommenen Werturteilen, wie sie Schmalenbach und Walb als zulässig und notwendig erachtet haben, näher als dies Schönpflug in seiner methodologischen
Untersuchung herausgearbeitet hat. Leitner unterzieht zwar den Gesichtspunkt
der Gemeinwirtschaftlichkeit einer schonungslosen Kritik, indem er ihn als
Glaubensbekenntnis brandmarkt. Aber er will auch die Marktleistungen, die Wertung ihrer gruppen- und sozialwirtschaftlichen Zweckmäßigkeit, ihre gesellschaftliche Teleologie, ihre gliedhafte Zweckmäßigkeit, bezogen auf das Ganze, mit einzelwirtschaftlichen Methoden untersuchen. Er fordert von der Betriebswirtschaftslehre, daß sie sich weniger in den Dienst des Betriebes, der Unternehmung und der Verbände, sondern mehr als bisher in den Dienst der Allgemeinheit stelle.”

Mit Auszügen aus „Der Praktische Betriebswiirt” 1/1950

100. Geburtstag von Helmut Schmidt

Historisch und doch aktuell

Am 23. Dezember 2018 hätte Helmut Schmidt seinen 100. Geburtstag feiern können. Der 2015 im Alter von 94 Jahren verstorbene Politiker und frühere Bundeskanzler meldete sich bis ins hohe Alter nicht nur zu politischen Themen zu Wort, sondern auch zu wirtschaftlichen.

Solche Jahrestage führen dazu zurückzublicken. Da erhält ein Artikel in “Der Betriebswirt” im Jahr 2009 Bedeutung, als wir über einen spannenden Vortrag von Helmut Schmidt über Chinas Rolle in der Welt berichteten. Dabei ging der Altbundeskanzler nicht nur auf die politische, sondern auch auf die wirtschaftliche Bedeutung ein. Schmidt mahnte damals an die Riege der Manager, die Wirtschaftskraft Chinas nicht nur als Bedrohung zu sehen, sondern als Chance. In dem damaligen Beitrag heißt es: „Am Ende seines Vortrags setzte Altbundeskanzler Schmidt eine Empfehlung an die vertretenen Manager… Und mit einem mahnenden Zeigefinger in Richtung politische Entscheidungsträger, dass die handelspolitische Abschottung ein falscher Weg wäre. Der rasante Aufschwung sollte nicht in einer Konfrontation enden, sondern in eine Kooperation münden.
Wie weise! Was hätte wohl Helmut Schmidt zu der aktuellen Situation mit den US-amerikanischen Strafzöllen gesagt?

Helmut-Schmidt-China-Vortrag-2009 

Regina Meier

Die Sicht eines Spieltheoretikers: Modelle zur Unsicherheit und Weltwirtschaft

Interview mit Roger B. Myerson, Wirtschaftsnobelpreisträger

Im Sommer 2017 fand in Lindau am Bodensee das 6. Treffen der Nobelpreisträger für  Wirtschaftswissenschaften statt. Dort versammelten sich 17 Laureaten aus aller Welt, die in den vergangenen Jahren diesen „Preis der Schwedischen Reichsbank für Wirtschaftswissenschaften im Gedenken an Alfred Nobel” erhalten hatten.

Prof. Roger B.  Myerson, Wirtschaftswissenschaftler an der Universität von Chicago, nahm sich am Rande der Tagung Zeit für ein Pressegesgespräch, das er mit Zhonghao Shen, Korrespondent der Xinhua News Agency, und Regina Meier, „Der Betriebswirt“, führte.

Meier: I remember very well the last meeting at Lindau in 2014 when we spoke about macro-economics and politics, especially about Ukraine. Which threads do you see today for the world economy?

Myerson: Ukraine is still an important frontier for liberal democracy. As an American who cares about Ukraine, I believe Ukraine should always be economically, culturally and perhaps in international relations close in line with the Russian people. I have the greatest hope for positive political development of that whole area including Russia. America should never try to bring Ukraine to the NATO unless Russia is also a part of the NATO. But there are also other challenges in the world:  I‘m concerned about the European Union and also about political issues in the United States.

Shen: You have written a letter with other economists to the government of Trump. What is your opinion about what he is doing in the government?

Myerson: If I could get my country make to pay attention to me for 45 seconds, I would say please let’s never again elect someone to the presidency who has not held public power and served  responsibility in some public office before we elect him to the highest office.
Donald Trump has no history of exercising public power or responsibility, this is a serious problem. He should have served as a governor of a state for four years – like Ronald Reagan, who ran for governor first and then ran for president.

In the long run the stability of the constitution of a great presidential democracy depends on the individuals who rise for the highest office. They should first show some personal commitment to upholding the constitutional rules.  In a presidential democracy it is particularly important that the President must show a deep understanding of and a personal commitment  to the constitutional constraints on his office. That’s not something that Donald Trump has shown in his career as a businessman.

The other thing is the international view. The United States must stay reliable and predictable in the future. The global investors have a large part of their portfolios held in dollars, because the United States has long been recognized as the most stable and reliable government of the world and a predictable force in the world. Now we have a President who says that the United States should be less predictable in its international relations, and the result could be to decrease investors’ demand for US dollar debt, especially if the Republicans pass a tax cut that increases the federal deficit. 

“The United States must stay reliable and predictable in the future.”

If such policies by the Trump administration give us a weak dollar, there may be some increase in American manufacturing jobs, as the President promised, but there would also be an inflationary increase in the cost of living for Americans. The high value of the dollar for the last generations was because of the reliability of the United States. Now we withdraw from the Paris accord for example, we are not a reliable partner any more. And the Americans should care about the value of the reputation.

Shen: There have been structure reforms made in China. Do you have an optimistic prospective for China?

Myerson: I actually don’t know what structural reforms are happening in China, I think this is a time when the leaders of the party in China are trying to consolidate the monopoly on power, and as an American who understands the benefits of multi-party democracy that concerns me.

The Chinese system is different. The Chinese communist party has done a good job of creating competitive firms but those firms are not independent, the party has influence in their policies, and government officials tend to be more involved in firms in China than in similar firms in Europe or America. I believe that Chinese confidence in their financial system is not based as much on financial accounting but depends more on political oversight of financial institutions. But this means that, if a loss of confidence comes, it’ will have political consequences. That is, if the Chinese financial institutions disappoint their investors that is going to be a political disappointment.

Shen: Do you think the rapid Chinese growth is the solution to China’s problems?

Myerson: The rapid growth over the past during the last 25 years in China is by any standards a great accomplishment of the Chinese government and was one of the best, probably the best thing for humanity in our lifetime, helping more people to gain more by any measure. But of course 10 % growth cannot continue forever.  I think a slowing of growth is to be expected.

New investment is very elastic to the business environment and to the reputation to the municipality for providing a save place to invest.  So a slowing of new investment imay reduce incentives for local governments to restrain corruption.

Meier: There are lot of efforts to strengthen sustainability not only in ecology but also in economics. What does sustainability mean to you? Does it play an important role in your research?

Myerson: Sustainability is everything in the long run. In some ways sustainability is proper government budgeting, is about making sure keeping the depths under control, sustainability of the current public services, the current tax system. But sustainability is also used to talk about environmental sustainability: there is a lot to be done about that. Lars Hansen just gave a good talk here in  Lindau about the uncertainties in climate science and the impact of carbon. 1)

“The sustainability of our global environment clearly requires global cooperation.”

From what he said, I think we need models which put a positively probability on the idea in which carbon has no effect on global economies, because that is what the deniers say, and they need to see that carbon taxes to reduce emissions may be a prudent conservative policy, even if there is some chance that we might find it unnecessary. I strongly recommend William Nordhaus’s book, which is called „The Climate Casino“ 2) – the title itself is telling you that his analysis begins with the uncertainty about weather.  

But given the serious possibility that carbon emissions may be devastating the global environment, it is a risk that demands a serious response. I deeply regret the withdrawal of the United States from the Paris climate accords, because the sustainability of our global environment clearly requires global cooperation.  Developing such global cooperation is a game-theoretically difficult problem, and consistent leadership from the United States would have been very helpful.

– Ende des Interviews – 

 

 

Hier gehts zur Druckfassung des Interview mit Roger B. Myerson

 

Vor der Wahl hatten sich die Nobelpreisträger zur Kandidatur von Donald Trump zu Wort gemeldet: home.uchicago.edu/rmyerson/nobelecon2016.pdf

1) Lars Peter Hansen: Wrestling With Uncertainty in Climate Economic Models, Lecture beim 6. Treffen der Wirtschaftsnobelpreisträger in Lindau 2017

2) William Nordhaus “The Climate Casino: Risk, Uncertainty, and Economics for a Warming World”, Yale University Press 2013