Frühling unter die Lupe genommen

Bei herrlichstem Frühlingswetter starten wir zu einer Fahrradtour Richtung Baden-Baden. Schon gleich nach dem Müllenbild, vorbei an der Drei-Eichen-Hütte entdecken wir schon das erste Naturschauspiel: das liebliche Märzenbachtal liegt vor uns. Wir tauchen in dieses romantische Wiesental ein, jetzt im Frühling bestimmt durch das frische Grün der Wiesen und den ersten Blättern der sprießenden Bäume. Gleich nach der Abfahrt ins quirlige Oberbeuern erklimmen wir in Lichtental gleich wieder die Höhenzüge und machen einen Stopp bei der Burg Cäcilienberg. Bei manchen Orten fährt man einfach vorbei, manche fesseln durch das Äußere, dass man Halt macht. Das prächtige Sandsteingebäude konnten wir schon von den gegenüberliegenden Höhen entdecken. Die Villa Stroh, erbaut 1900 von Architekt Gustav Stroh, blickt auf eine wechselhafte Geschichte zurück. In den 1920er Jahren wird Albert Steigenberger Eigentümer der Villa, 1942 geht sie in Staatsbesitz über und wird für NS-Einrichtungen genutzt. 1945 wird die Villa stark beschädigt, als Volkssturmeinheiten sich dort franzöischen Truppen entgegenstellen. 1960 übernimmt die Firma Apparatebau Hundsbach (Mess- und Regeltechnik) das Anwesen, ein Forschungslabor wird eingerichtet. Im Jahr 2000 erhält das Gebäude neue Eigentümer.

Jetzt führt und der Panoramaweg auf einem stetig ansteigenden Waldweg hinauf. Bei der Gelbeichhütte haben wir den anstrengengen Anstieg geschafft, danach gehts gemächlich – also leicht steigend – hoch zum Louisfelsen. Eine herrliche Aussicht entschädigt uns für die Anstrengung. Ein dichtes Wegenetz führt von hier aus in alle Richtungen. Wir wählen den Weg zur Batschari-Hütte. Von dort bietet sich ein grandioses Panorama: über die Altstadt von Baden-Baden hinüber zum Battert-Felsen, die Sicht reicht vom Rheintal über den Merkur hinüber zur Teufelsmühle.

Nächste Station: Lichtentaler Allee. Eine Bilderbuch-Erlebnis erwartet uns hier. Die ersten Rhododendron-Blüten erwarten uns bereits entlang der Oos. Und als noch eine Kutsche entgegenkommt, ist das Postkarten-Motiv perfekt.

Mit unseren Fahrrädern reihen wir uns in die Spaziergänger entlang der Flaniermeile Baden-Badens ein und genießen die prächtigen Tulpenrabatte. Beim Festspielhaus queren wir die Oos und erklimmen schon wieder eine neue Anhöhe. Bis zum Fürstenberg-Denkmal nähe der Klinik Höhenblick gehts mal wieder einen Berg hinauf. Dieses Denkmal wurde 1862 errichtet von Carl Egon III. Fürst von Fürstenberg aus Dankbarkeit für einen glimpflich ausgegangenen Reitunfall seines Sohnes. Diese Säulenhalle mit einem Engel nimmt uns in diesem Frühlingslicht ganz gefangen und wir verweilen dort mit der Aussicht auf das Neue Schloss.

Eine Rast legen wir bei der Waldschänke am Hungerberg ein. Leider hat das Lokal noch geschlossen, die letzten Arbeiten des Frühjahrsputzes werden gerade abgeschlossen. So tanken wir auf der Parkbank unterhalb des Bürgersteins des Bildhauers Ralf Schira, Gernsbach, Das Kunstwerk mit dem Titel „Point of View“ wurde von der Bürgerstiftung Baden-Baden anlässlich ihres 10jährigen Bestehens 2013 errichtet. Der Sockel ist mit einem Relief verziert, das SchülerInnen des Pädagogiums Baden-Baden und der Klosterschule vom Heiligen Grab Baden-Baden gestaltet haben. Die Bürgerstiftung wollte mit „Denk Mal“ ein Zeichen setzen – für jeden Bürger in Baden-Baden, der bereit ist, seine Stadt genauer „unter die Lupe zu nehmen und den eigenen Blick auf die Stadt zu behalten und zu bewahren”.

Wir machen uns nach dieser Pause auf den letzte Etappe unserer Frühjahrstour: über die Wolfschlucht hinunter zum Staufenberger Sportplatz und über das Hahnbachtal zurück nach Gernsbach.

 

 

 

Zweite Stolperstein-Verlegung in Gernsbach

Eindrucksvolle Gedenkfeier für Euthanasie-Opfer

Vorbereitung für die Verlegung des Stolpersteins in der Storrentorstraße.

Das Scharren der Kieselsteine war noch zu hören, als die Musik „Ghetto“ bereits erklang. Bei der Verlegung der Stolpersteine in der Altstadt von Gernsbach hatte der Künstler Gunter Demnig bereits mit dem Freilegen der Vertiefung für den Stolperstein begonnen, als noch die Musik für die Umrahmung der Gedenkfeier spielte.

Anfang März fand die zweite Verlegung von Stolpersteinen in Gernsbach statt. Dieses Mal wurde Opfern der Euthanasie-Programmen der Nazis gedacht, die aufgrund ihrer geistigen Konstitution sterben mussten. Nun erinnern vier Stolpersteine an Luise Geiger in der Storrentorstraße 3, an Ludwig Schneiderhan in der Hauptstraße 45, und an die Brüder Albert Gebhard und Karl Gebhard in der Schlossstraße 8. Sie wurden 1940/41 im Rahmen der sogenannten T4-Aktion ermordet. Dieses Programm wurde nach dem Ort der Planungszentrale der Morde an Menschen mit Behinderungen und mit psychischen Krankheiten, Tiergartenstraße 4 in Berlin, benannt.

Gunter Demnig (ganz links) verfolgt die Gedenkfeier am Metzgerplatz, bevor er zur Verlegung des nächsten Stolpersteins geht.

Gerold Stefan, Lehrer an der Musikschule Gernsbach, hatte die passenden Musikstücke für die Feier ausgesucht. Er spielte mit seiner Klarinette das Adagio von Friedrich Demnitz, „The Blessing Nigun“ von Jerry Sperling, „Jenseits der Stille“ von Niki Reiser und das Stück „Ghetto“.

Eindringlich verhallten die Melodien auf dem weiten Metzgerplatz. Dort hatten sich zahlreiche Bürgerinnen und Bürger Gernsbachs versammelt, um den Opfer der Euthanasie-Programme der Nationalsozialisten zu gedenken.

Michael Chemelli, Bürgermeister-Stellvertreter, fand die passenden Worte, um an das unfassbare Geschehen um die Opfer der NS-Euthanasieprogramme zu erinnern. Er betonte in seiner Einführung, dass es heute die Pflicht von uns allen ist, daran zu arbeiten, dass sich ein solches Geschehen niemals wiederholt. Besonderen Dank sprach er an Stadtarchivar Wolfgang Froese aus, dessen Recherchen es zu verdanken ist, dass an die vier getöteten Gernsbacher erinnert werden kann. Bislang war wenig über die Ermordung von behinderten Menschen aus Gernsbach bekannt, daher bedurfte es grundlegender Archivarbeit, die Details und Hintergründe über den Abtransport zu finden.

Bereits zum zweiten Mal verlegt Gunter Demnig Stolpersteine in Gernsbach.

„Ich bin Ludwig Schneiderhan“, begann die Darstellung der Einzelschicksale der vier Opfer durch Schülerinnen und Schüler der Realschule Gernsbach. Unter der Leitung ihrer Lehrerinnen Elvira Schulz (Geschichte) und Johanna Wilhelm-Lang (ev. Religion) hatten sie sich in Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv auf diese Gedenkfeier vorbereitet. Lea Clausen, Sara Oertel, Elias Schmidt und Alica Herzog hatten die Texte, mit denen sie das Schicksal der jeweiligen Person vorstellten, in der „Ich-Form“ geschrieben und vermittelten somit eindringlich, dass sie sich intensiv auf diese Gedenkfeier vorbereitet hatten. Die Anwesenden waren betroffen von den Texten, weil sie auch in beklemmender Weise deutlich machten, wie sehr die Menschenwürde im Dritten Reich mit Füßen getreten worden war. Mit der Beteiligung der Schülerinnen und Schüler wurde ein Kern-Ziel des Gemeinderats-Beschlusses zu den Stolpersteinen umgesetzt. 2019 hatte das Gremium einstimmig beschlossen, zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus sich der Stolperstein-Aktion anzuschließen und insbesondere die örtlichen Schulen zur Pflege und kontinuierlichen Erinnerungsarbeit einzubinden.

Rita und Hans-Joachim Scholz, Pfarrer i.R. der evangelischen Gemeinde, sprachen in Anwesenheit von Dekan Josef Rösch ein Gebet. 

Teilnehmer der Gedenkfeier legten Blumen nieder an den Stolpersteinen.

Gemeinsam mit Mitarbeitern vom Bauhof zog der Künstler Gunter Demnig vom Metzgerplatz in die Schlossstraße 8 weiter, wo die beiden Stolpersteine für die Brüder Albert und Karl Gebhard verlegt wurden. Anwohner legten später Blumen an den einzelnen Stolpersteinen nieder.

Regina Meier

Dieser Beitrag erscheint im “Gernsbacher Boten” 1/2022 im Casimir Katz Verlag am 6. April 2022

 

Papierkunst überwindet Grenzen

Wenn ein Künstler Objekte für eine Ausstellung vorbereitet, ist dies immer ein Wagnis. So war auch Hermann Künert aufgeregt, als seine Objekte für die international besetzte Ausstellung zur Papierkunst in  Deggendorf ausgewählt wurden.  Wir hätten uns gefreut, bei der Vernissage von  Papier Global  dabei sein zu können. Doch die Corona-Regelungen ließen nur eine begrenzte Personenanzahl zu. So beschränkten sich die Organisatoren auf die Künstler und Presse. (Letztlich zeigte sich, dass wir just an diesem Tag im Ausland weilten.) Wir haben es bedauert, aber bei 69 Künstler aus aller Welt mit Freunden und Familie hätte das tatsächlich sämtliche Rahmen gesprengt. Umso mehr haben wir uns gefreut, jetzt endlich diese Ausstellung ansehen zu können. 
Wir haben das gleichzeitig verbunden mit erholsamen Tagen in Deggendorf im Bayrischen Wald. Dazu haben wir die Langlauf-Ski eingepackt, die Landschaft und auch die heimische Küche genossen.

Doch der Besuch der Papierkunst-Ausstellung war eindeutig der Höhepunkt dieser Bayern-Fahrt. So viele Ideen, so viel handwerkliches Können, so viele kreative Umsetzungen – was alles aus dem Werkstoff Papier geschaffen werden kann! 

Angefangen von dem Werkstoff – handgeschöpftes Papier, Wellpappe, Zeitungspapiere. Staubsaugerbeutel, Fotos, Puzzle-Teile (ich kann gar nicht alle Materialien aufzählen, geschweige denn einen Überblick über die Verarbeitungen dieser Papiere geben – gewachst, gerollt, gezupft, geklebt, geschnitten…) Die Beschreibungen könnten weitergeführt werden. Ein Fazit bei dieser Ausstellung hat sich schnell ziehen lassen: man muss sie selbst gesehen haben. 

Selbstverständlich haben wir als erstes die Werke von Hermann aufgesucht. Sie waren gleich zentral im Eingangsbereich platziert. Und dank des Hinweises von Hermann, dass man zwischendrin die Beleuchtung der Vitrine abschalten soll, hatten wir ein spannendes Erleben dieser Papyrographien.

Hier in Deggendorf stellt er weitere Arbeiten aus der Serie K’sReisen aus. Ferne Orte werden mit gerupften, mehrlagigen Papieren zu Leben erweckt. Landschaften und Stadt-Silhouetten lassen sich deutlich erkennen. Dazu passend immer ein treffende Literaturstelle, von Hand geschrieben.  So findet sich bei der Stadtansicht Dresden ein Text von Canaletto, anno 1747: “Bin heute in Dresden angekommen, stehe staunend am Ufer der Elbe mit Blick auf das eindrucksvolle Panorama dieser Stadt.” Ja, staunend standen auch wir vor diesem Werk.

Bei den weiteren Kunstwerken, die in dieser Ausstellung versammelt sind, weiß man gar nicht, mit welchem man anfangen soll, es vorzustellen.

Sicherlich fällt einem das größte Objekt der Austellung sofort ins Auge. “Der gebeutelte Mann” von Uli Schmid. Erst auf den zweiten Blick realisiert man, dass die sitzende Figur aus lauter Staubsaugerbeuteln besteht! Wie aus der Beschreibung der Ausstellungsaufbau hervorgeht, musste der Künstler die einzelnen Teile des Werkes getrennt anliefern, zu voluminös und zu diffizil waren die Bestandteile. Der Eindruck ist überwältigend.

Das gilt auch für das unverwechselbare Stück von Sabine Naumann-Cleve. Sie hat sich mit “Memento”, eine Arbeit aus alten schwarz-weißen Familienfotos, 2018 und 2019. Das im Raum schwebende Kunstwerk nimmt einen gefangen, beim genauen Betrachten des Gebildes erkennt man, dass die papiernen Fünfecke aus Streifen aus alten Schwarzweiß-Fotografien bestehen, die an den jeweiligen Kanten aneinandergeklebt wurden.

Wie die Künstlerin auf ihrer Webseite beschreibt , umkreisen ihre Arbeiten “hauptsächlich Themengebiete rund um Konsum und Wirtschaftswachstum und die damit verbundenen Auswirkungen auf die Natur mit ihren artenreiche Ökosystemen, deren Zerstörung den gesamten Planeten in Gefahr bringen”. Da hätte ich mir noch mehr Zeit gewünscht, dies Werk zu betrachten.

Die Lichtinstallation von Alexander Stern, hat als Hintergrund lauter Zeitungspapierknäuel. Sicher ist für diesen Künstler die Ausstellung in der bayrischen Stadt etwas ganz Besonderes, ist er doch gebürtiger Deggendorfer. Aus seinem Werk “Nööö” springt einem das Licht sofort entgegen, wenn man den Ausstellungsraum betritt.

Die Ausstellung beschränkte sich nicht nur auf das Stadtmuseum, sie wurde in den Räumlichkeiten des Handwerksmuseums fortgesetzt. Dort waren wir gefesselt von dem Objekt von Helene Tschacher. Über ihre Arbeit bei der Auswahl der Kunstwerke hinaus, ihrer Organisation von Kongressen und Symposien sowie Herausgabe von Büchern, Katalogen und Veröffentlichungen zum Thema Papier in internationalen Zeitschriften und Foren, trägt sie ebenfalls ein Werk zu dieser Ausstellung bei. Aus ihrem ureigensten Metier hat sie das Werk “Ich liege im Streit mit meinen Gedanken”, Bildbände geschnitten, verformt, montiert. Ungewohnte Sicht auf ein altbekanntes Buchteil.

Und wer nach all dem Betrachten der Kunstwerke auch noch etwas mit nach Hause nehmen wollte, kam auch auf seine Kosten. Da gabs jede Menge attrativer Geschenke, bis hin zu interessanten Broschen und Colliers aus Papier.

Zum Schluss des Besuchs konnten wir ein klares Fazit ziehen: das Wagnis hat sich für die Künstler gelohnt. Und keine Frage, für uns auch.

 

Mehr über die Ausstellung mit Hermann Künerts Arbeiten im “Schwarzwälder Boten” vom 7. Oktober 2021

 

Kalender 2022

Beauty reborn from ashes

Unglaubliches ist geschehen: in den abgebrannten Redwood-Wäldern, in den Tälern der Santa Cruz Mountains erwacht wieder neues Leben. Die Menschen dort haben Unmögliches geschafft. Den tatkräftig anpackenden Bewohnern, die dort wieder ihr Heim und ihr Haus errichten, ist dieser Kalender “Beauty reborn from ashes” gewidmet.

Im November/Dezember 2021 konnten wir endlich die Reise nach Kalifornien antreten. Ziel war San Francisco und der ca. 70 Kilometer südlich davon gelegene White House Canyon im Santa Cruz County. Dort befindet sich das Zuhause von Christine und ihrer Familie, das in dem verheerenden Waldbrand vom August 2020 ganz den Flammen zum Opfer fiel. Wir konnten uns direkt vor Ort ein Bild von den Schäden machen, aber auch von dem ungebrochenen Aufbauwillen der Bewohner, den überwältigenden Hilfsaktionen von Nachbarn, den tatkräftigen Aufräum- und Infrastrukturmaßnahmen der amtlichen Stellen und der wieder heilenden Natur. Bei Wanderungen und Begegnungen entstanden zahlreiche Fotos, die die Grundlage für diesen Kalender bilden.

Die Auswahl, die Martina aus der Vielzahl der Fotos für die zwölf Kalenderblätter gewählt hat, erzählt eine Geschichte. Beginnend mit dem Januar-Motiv – das Rot des Sonnenuntergangs über der Golden Gate Bridge symbolisiert die Dramatik der Ereignisse des Jahres 2020 – spannt sich der Bogen hin zum Dezember mit seinem harmonischen Goldtönen des beleuchteten Palace of Fine Arts in San Francisco – die weichen Farben zeigen die versöhnliche Seite, Einklang von Mensch, Kultur und Natur. Dazwischen finden sich die schwarzen Motive der verkohlten Bäume, die langsam wieder durch das Grün und Rot der wiedererwachenden Natur. Farne, Büsche und junge Redwoods setzen neue Akzente in der Landschaft.

Im Mittelpunkt steht die Hoffnung, wie mit neuen Visionen, ermunternd und inspirierend die Zukunft gestaltet wird. Verfolgt mit uns, Monat für Monat dieses Erwachen des neuen Lebens.

Weiterhin viel Kraft!

Es beginnt! Das Jahr – und auch unsere Erzählungen über phantastische Begegnungen in Kalifornien. Bevor wir in die Santa Cruz Mountains fuhren, blieben wir ein paar Tage in San Francisco und trafen Freunde und besuchten alt-bekannte Orte. Den Auftakt machte die Golden Gate Bridge. Wir hatten im November 2021 einen dieser außergewöhnlichen Tage in San Francisco, die vom Fog beherrscht sind. Den ganzen Tag über wars grau und regnerisch. Wir gönnten uns nach einem Rundgang im Salesforce Park einen gemütlichen Spaziergang in Crissy Fields. Diese Küstenabschnitt San Franciscos gehört zum Presidio und war bis 1994 Teil des Militärstützpunktes und nicht für die Öffentlichkeit zugänglich. Heute gehört das Gelände zur Golden Gate National Recreation Area und dient der Naherholung der Einwohner von San Francisco. Von hier hat man eine phantastische Sicht auf die Golden Gate Bridge – wenn das Wetter passt. Genau das erlebten wir bei diesem Spaziergang am Abend – kurz vor Sonnenuntergang wie so manch andere Spaziergänger, die mit ihren Hunden an dem Küstenabschnitt unterwegs waren oder die Jogger, die auf diesen autofreien Wegen ihre Runden drehten. Der Nebel lichtete sich, die Brücke kam in ihrer ganzen Pracht  zum Vorschein. Wir konnten uns gar nicht mehr losreißen und genossen die das Rot des Sonnenuntergangs in vollen Zügen. Danke, Laura, dass wir genau an diesem Tag an diesem Ort waren!

Mit dem Februar-Bild folgen wir den Spuren unserer Wanderungen im White House Canyon. Die Wanderung auf dem Höhenzug des Big Basin Redwoods National Park auf dem Westridge Trail zeigte uns das ganze Ausmaß der Waldbrände vom August 2020.

Die erste Wanderung führte uns aus dem White House Canyon hoch auf den Bergrücken, in den Wanderkarten als Chalks Road markiert. Von dort starteten einst die beliebten Berry Creek Falls Hikes, eine Tour, die derzeit noch zu gefährlich zu begehen ist.

So folgten wir dem Weg, der sich über sechs Kilometer auf dem Höhenrücken durch abgebrannte Bäume schlängelt. Wie schwarze überdimensionale Streichhölzer ragen die Überbleibsel der Feuersbrünste in den Himmel. Je näher man der Küste kommt, findet man vermehrt Kiefern. Doch auch sie konnten dem rasenden Feuer nicht widerstehen. Nun sind sie dunkle Zeugen dieser Naturkatastrophe. Von weitem hört man das Rauschen des Ozeans, die kleine Insel Ano Nuevo ist zu ahnen. Der dortige Nationalpark mit der Kolonie der See-Elefanten ist eine Attraktion der Region. Der Highway 1 windet sich entlang der Küste und ist von dem Aussichtspunkt gut auszumachen.

Die Schrift, die Martina für den zweiten Monats des Jahres 2022 gewählt hat, unterstreicht die Dramatik der Veränderungen in Natur und Landschaft.

Die Nahaufnahme einer verkohlten Rinde eines Redwoods glänzt im Sonnenlicht in allen Grau-Schattierungen. Unsere Wanderungen in der Pazifikregion Nordkaliforniens im vergangenen November brachten uns auf direkte Tuchfühlung mit den Auswirkungen des Waldbrandes von 2020. Weite Waldgebiete sind geprägt von den verkohlten Stämmen der einheimischen Redwoods. In dieser Region ist die schlanke Art des Mammutbaums zu Hause, auch genannt Küsten-Mammutbaum (Sequoia sempervirens). Die riesigen Bäume haben sich an die Rahmenbedingungen der kalifornischen Küste angepasst: ihnen reicht die Feuchtigkeit des Morgennebels aus, um die trockenen Sommer zu überstehen.

Als wir die Redwoods ganz aus der Nähe ansahen, erschraken wir: die Rinden sind oftmals total verkohlt. Wir konnten allerdings auch entdecken, dass dicke Rinde den Stamm geschützt hat. Wenn man die verbrannte Außenhaut entfernte, trat darunter das markante Holz des Redwoods hervor. Das rötlich gefärbte Holz war auch der Grund für den englischen Begriff des Mammutbaums: Redwood. Die starke Rinde ist eine der Überlebensstrategie des Mammutbaums seit Jahrhunderten. Allerdings war diese den zerstörenden Feuer im August 2020 nicht gewachsen. Diese waren einfach zu verheerend.

Auch im März-Kalenderblatt wurde die Graphik des Kalendariums an das Fotomotiv angepasst: die Zahlen und der Schriftzug „März“ nehmen die weiß-grau-schwarzen Schattierungen der Rinde des Redwoods auf.

Aufgebrochen

Das April- Kalenderblatt drückt schon die Hoffnung auf die starken Kräfte der Natur aus, dass die Schäden des Waldbrand überwunden werden können. Diese Zapfen haben das Feuer überstanden und brechen ihre Schuppen auf. Das ist das uralte Rezept, wie die Bäume überleben: Darin sind Samen, aus denen neue Nadelbäume wachsen können. Aus den Zapfen fallen die Samen auf den Boden und fangen dort wieder an zu keimen. Und die rote Farbe, die sich in den Schuppen-Enden zeigt, ist schon der erste Farbtupfer in den schwarz-grau-braun gefärbten Wäldern.

Spannend ist auch zu verfolgen, wie der Prozess zur Wiederherstellung des Nationalparks in dieser Region vorankommt. Sie umfassen Wiederherstellungsbemühungen, Planungsprozesse zur Erneuerung der Vision für die Zukunft des Parks sowie langfristige Planungs- und Umsetzungsprojekte. Das Reimagining Big Basin-Projekt stellt ständig Updates zu diesen Bemühungen bereit (online in mehreren Sprachen!) und versucht die verschiedenen Interessengruppen in Gespräche über die Vision und die Ziele für die Wiederherstellung des Nationalparks Big Basin einzubeziehen. Auch hier brechen überholte Strukturen auf und geben Raum für Neues.

Eine Besonderheit des April-Kalenderblatts muss noch herausgestellt werden. Das Kalendarium wurde nicht einfach mit Strichen gestaltet. Das wäre ja schon kunstvoll genug. Nein, die Striche wurden arrangiert durch kleine „Holzstengele“! Kurze, braune Äste wurden so angeordnet , dass damit nicht nur die Buchstaben des Monatsnamens, sondern auch die Zahlenstriche geschaffen wurden. Nicht zu glauben, was geschickte Hände alles mit kurzen Ästen aus dem Garten bewerkstelligen können.

Da war es selbstverständlich für uns,  die kleinen Äste neben all den Entwurfsblättern mit den Schriftzügen aufzubewahren.

Im Mai kommt der Frühling so richtig in Schwung, auch in den Waldregionen im nördlichen Kalifornien. In den Gebieten, in denen noch immer die Natur mit den Folgen des Waldbrandes von 2020 kämpft, leuchten die ersten grünen Farne. Sie springen ins Auge, ihr Grün zeigt das Wachsen und Erwachen der Natur.

Die abgebrannten Wälder im Norden Kaliforniens werden wieder grün: vor der verkohlten Rinde eines Redwoods leuchtet das frische Grün eines Farns. Kein Wunder, dass die Farne zu den ältesten Gewächse der Weltgeschichte gehören. Sie kommen auch mit kargen Bedingungen zurecht. Diese Pionierpflanzen bereiten den Weg für eine Wiederbelebung des Natur. Der Neustart für das Ökosystem hat schon begonnen. Mit einem langfristigen Planungs- und Umsetzungsprojekten wird dieser Prozess von den Naturschutzbehörden mit getragen. So unterstützt zum Beispiel das Kalifornische Ministerium für Parks und Erholung im Big Basin den Prozess mit Sofortsanierungsbemühungen sowie der Erstellung eines Konzepts für die Zukunft des Parks.

Die Schrift des Kalendariums nimmt die Töne des erwachenden Farns auf und spiegelt das Grün des Farns und das Gelb der Sonne wieder. Nicht nur leise und zart, sondern kräftig und schwungvoll.

Auf dem Kalenderblatt Juni wird schon erste Farbe in der ausgebrannten Landschaft sichtbar. Die Pflanzen, die sich durch die Ascheschicht und die Erde gekämpft haben, kommen mit Macht ans Sonnenlicht. Dabei entwickeln sie auch schon Blüten, die dankbar aufgesogen werden.

Das Kalendarium nimmt die Farben der Natur auf: unter den schwarzen Ziffern blitzt schon die lebendige rote Farbe hervor.

Auch der Sanddorn versucht, in der kargen Landschaft Fuß zu fassen. Im geschützen Schatten von abgebrannten Bäumen und Sträuchern schiebt er sich langsam an die Oberfläche.

Es ist ermutigend zu beobachten, wie die Natur wieder erwacht und sich in ihrer ganzen Bandbreite ausbreitet. 

 

 

 

 

Einer der ältesten Buslinien Baden-Württembergs

Mit dem Bus nach Baden-Baden

Bushaltestelle Hofstätte Gernsbach um 1910 – Foto: Stadtarchiv Gernsbach

Mit den neuen Fahrplänen zur Buslinie Gernsbach – Baden-Baden beginnt eine neue Ära im öffentlichen Nahverkehr zwischen den beiden Städten. Eigentlich hätte bereits Mitte Dezember die weitreichende Umstellung kommen sollen, doch aufgrund der Sperrungen in Loffenau wegen der Fahrbahnerneuerung treten die Änderungen erst Ende Februar 2022 in Kraft.

Hintergrund ist eine Neuordnung des Bus-Liniennetzes im vorderen Murgtal. Zukünftig wird es eine Linie X44 geben, die die Strecke Bad Herrenalb – Loffenau – Gernsbach – Selbach – Baden-Baden – Varnhalt – Steinbach – Bühl bedient und im täglichen Stundentakt von 5 Uhr am Morgen (Samstag ab 6 Uhr und Sonntag ab 7 Uhr) bis 23 Uhr verkehrt. Für den Busverkehr von Gernsbach nach Baden-Baden wird damit nach den zahlreichen Veränderungen  im Laufe der Geschichte eine neues Kapitel eröffnet. 

Eine alte Aufnahme zeigt ein Stopp bei der Fahrt nach Baden-Baden. Foto: Sadtarchiv Gernsbach

Blickt man zurück in die Vergangenheit, so kann man auf über 116 Jahre regelmäßigen Busverkehr zwischen Gernsbach und Baden-Baden blicken. Damit gehört die Busverbindung nach Baden-Baden zu den ältesten Buslinien Baden-Württembergs. Bereits 1905 hatte sich eine private „Automobilverkehr Gernsbach GmbH“ gebildet, mit dem Ziel, Kurgäste von Gernsbach nach Baden-Baden zu fahren. Es wurde eine Automobilverkehr Gernsbach GmbH gegründet. Zu dem Aufsichtsrat  gehörten Karl Max Clemm als 1. Vorsitzender, Bürgermeister Oskar Jung als Stellvertreter, außerdem Kaufmann Heinrich Popp, Bankier Gustav Dreyfuß und Hotelier Carl Brude. Zum Geschäftsführer wurde Friedrich Schmelzle gewählt. 

Am 11. Juni 1905 war es soweit: der neu gelieferte  Wagen der Süddeutschen Automobilfabrik Gaggenau mit zehn Sitzplätzen fuhr erstmals von der Haltestelle Hofstätte aus nach Baden-Baden. Laut des ersten Fahrplans konnte man zu fünf Uhrzeiten zwischen 7.35 Uhr und 19.40 Uhr nach Baden-Baden fahren, außerdem mittwochs sowie an Sonn- und Feiertagen noch um 23 Uhr. Die Gäste kamen zahlreich. Man forderte sogar Platzkarten und wünschte sich einen Schaffner, der für Ordnung sorgen sollte. Allerdings legte die Verbindung über die Wintermonate eine Pause ein.

Anzeige im „Murgtäler – Gernsbacher Bote“ von 1905 über die Eröffnung der Buslinie nach Baden-Baden. Foto: Kreisarchiv Rastatt

Bereits im September 1905 wurden die Marke von 1000-Fahrten geknackt. In einem Artikel im „Murgtäler – Gernsbacher Boten“ vom 19. September 1905 ist zu lesen: „Die 1000. Fahrt hat am letzten Sonntag das Automobil Gernsbach – Baden-Baden über den Berg gemacht. Die gemäßigte Fahrt dieses Wagens hat wohl allgemein Anerkennung gefunden, und es ist deshalb auch bemerkenswert, daß sämtliche  Fahrten, die das Auto unternahm, ohne jeden Unfall geschehen konnten. Der äußerst umsichtige Chauffeur vermied auf das peinlichste alles, was für Nicht-Autler unangenehm ist. Insbesondere ist die Überwindung der Töff-Töff-Krankheit anzuerkennen, von welcher die meistern Schnauferl-Menschen befallen werden, sobald sie das Vehikel besteigen.“  Weitere Ausführungen, wie sich diese  „Töff-Töff-Krankheit“ bemerkbar machte, fehlen in dem Zeitungsartikel.

Am Verkehrspavillon an der Stadtbrücke startete so manche Ausflugsfahrt mit dem Bus. Hier der „Ebersteiner“ bei einer Sonderfahrt zum Mummelsee. Foto: Weiser

Der „Betrieb von Fahrten mittels Motorwagen zwecks Beförderung von Personen und Gepäck“, wie die Gesellschaft ihren Geschäftsgegenstand ins Handelsregister eingetragen ließ, dehnte ihre Betätigung bald auch auf andere Routen aus, so auch Richtung Bad Wildbad und nach Freudenstadt. Außerdem wurden auch Sonderfahrten veranstaltet, auch nach Ötigheim zu den Volksschauspielen oder nach Straßburg. Die Linie florierte und die Gesellschaft konnte sogar eine Dividende auszahlen. Allerdings bedeutete der Erste Weltkrieg auch hier einen radikalen Einschnitt in die Entwicklung.  Nach dem Krieg begann die Automobilverkehr Gernsbach GmbH, in bescheidenem Maße ihre Verbindungen aufzunehmen, doch die Zeit der privaten Gesellschaften, die einzelne Linien unterhielten, war vorbei. 1926 übernahm die Reichspost die Buslinie nach Baden-Baden und wurde in eine Kraftpostlinie überführt. Bis 1983 verkehrte die Linie als Postbuslinie und danach als Bahnbuslinie. Die Busverbindungen von Gernsbach nach Schloss Eberstein wurden noch lange Jahre aufrechterhalten. Bis Mitte der 1970er Jahre gab es einzelne Fahrten über die enge, kurvenreiche Straße zum Schloss Eberstein.1989 wechselte der Betreiber durch Umstrukturierungen bei der Bundesbahn von “Bahnbus Nordschwarzwald-Südpfalz” zu “Regionalbusverkehr Südwest – Südwestbus”.

Um 1950 trafen sich am Bahnhof Gernsbach die Murgtal-Busse (vorne) und die Kraftpostlinie (hinteres Haubenfahrzeug) nach Baden-Baden. Foto Stadtarchiv Gernsbach

Eine völlige Veränderung der Fahrpläne und -routen trat 2002 in Kraft. Zur Eröffnung der Stadtbahn im Murgtal wurde der Fahrplan im Juni 2002 komplett neu gestaltet. Danach wurde ein Stundentakt (mit einem Halbstundentakt in der Hauptverkehrszeit) eingeführt. Gleichzeitig wurden die Fahrten über Lichtental und dem Müllenbild mit Halt an der Stadthalle eingestellt. Dabei ist zu ergänzen, dass es zuvor nur noch eine Fahrt je Richtung an Samstag und Sonntag gab. Gleichzeitig wurde auch die  Haltestelle „Gernsbach Schoeller & Hoesch“ gestrichen, denn die gesamte Bahnbuslinie parallel zur Murgtalbahn wurde eingestellt. Viele aus dem hinteren Murgtal erinnern sich gerne an diese einstige Busverbindung. Denn die Buslinie lief länger als die Zugverbindung, so dass zum Beispiel nach einem Kinobesuch in Gernsbach immer noch eine Heimfahrt murgtalaufwärts mit dem – im Volksmund genannten – „Lumpensammler“ möglich war.

2006 wurde die Haltestelle Hofstätte letztmals angefahren, die Bleichhexen griffen dies in ihrem Fasentmotto plakativ auf. Foto: Meier

Die Kürzungen der Bus-Haltestellen im Stadtgebiet gingen weiter: zu Ende 2002 entfiel die Haltestelle “Gernsbach Storchenturm”. Letztlich wurde auch die Haltestelle “Gernsbach Hofstätte” gestrichen. Sie wurde Ende Mai 2006 zum letzten Mal angefahren. Grund waren die beengten Verkehrsverhältnisse in der Gernsbacher Altstadt. Allerdings wollten nicht alle Gernsbacher dies unwidersprochen hinnehmen: so gestalteten die Bleichhexen ihr Fasentmotto in 2006 und boten mit ihrem „Hexenblitz“ eine rasante Ersatzfahrt an.  

Wenn nun in der Neuregelung der Busverbindungen im vorderen Murgtal der neue Busfahrplan im kommenden Jahr eingeführt wird, beginnt damit auch ein neues Kapitel der Verbindung Gernsbach – Baden-Baden. Und neue Fahrzeuge wird es ebenfalls geben: Die eingesetzten Fahrzeuge im Landesdesign „bwegt“ verfügen auch über  WLAN und USB-Steckdosen. Man darf auf die neuen Entwicklungen gespannt sein.  

Regina Meier

Dieser Beitrag erscheint im “Gernsbacher Boten” 4/2021 im Casimir Katz Verlag am 25. November 2021

Zwei Schritte vor – einer zurück

Im White House Canyon im Santa Cruz County hat sich in diesem Jahr viel getan. Die letztjährigen verheerenden Feuer haben Häuser zerstört, Existenzen vernichtet, fürchterliche Einschnitte in Natur und Landschaft verursacht. Doch vieles konnte in diesem Jahr wieder erreicht werden. Die Baumfällaktionen kamen ein gutes Stück voran.  Sogar Wein konnte wieder geerntet werden, und Apfelsaft wurde eingekocht. Allerdings gab es herbe Einschnitte. Einer davon war Anfang November mit den starken Niederschlägen: die Erde, die mit der ganzen Asche der Waldbrände belegt ist, hat die plötzlichen starken Niederschläge nicht aufnehmen können. Aus Rinnsalen wurden plötzlich Bäche, aus Bäche formten sich Wassermassen, die die gerade frisch angelegten Wege und Straßen mit sich rissen.

Neue Herausforderungen! Umso mehr ist der Lichtblick, dass Julia mit ihrem Mann Steven tatkräftig an der Wiederherstellung der Infrastruktur arbeiten. Und Unterstützung von vielen Seiten hat!

Der Ring des Kaisers

Genau das richtige Buch für diese grauen November-Tage: Ein historischer Roman über die Geschicke einer Familie im 11. Jahrhundert in unserer Region. Im Spannungsfeld zwischen weltlicher und kirchlicher Macht suchen die Bewohner des Murgtals ihren Weg.  

Doch für den Roman ist der Kampf zwischen Kaiser und Papst nur der Rahmen, in dem das Schicksal der Menschen im Murgtal bestimmt wird. Die Autorin Cornelia Zorn führt uns in eine Zeit, die fast 1000 Jahre zurückliegt und zeigt uns auf, wie die Menschen damals gelebt haben, wie ihre Häuser ausgestattet waren, was sie gegessen haben, wie sie gekleidet waren – und das nicht in lehrmeisterlichem Ton, sondern spannend lesbar in einem fesselnden Roman.

Die Besiedlung des Murgtals, die Gründung von Gernsbach an der Murg-Furt, die Beziehungen zwischen den Ebersteinern und den Herren von Michelbach bilden die Eckpunkte, alles verpackt in eine dramatische Geschichte. So ganz nebenbei erfährt man auch viel über die damaligen Lebensumstände, über die Heilkunst, über die Beziehungen zwischen Mann und Frau, zwischen adligen Herrschaften und einfachen Bauern. Aber auch wie die Menschen damals gereist sind, wird behandelt. Da werden schon mal die Beschwerlichkeiten einer Reise, aber auch die Gefahren solcher Reisen ins Rheintal, nach Worms oder Speyer geschildert. Selbst der Weg von Michelbach nach Baden konnte zur Herausforderung werden. Selbst der Übergang über die Murg – im heutigen Gernsbach – spielt eine Rolle.

Die Autorin Cornelia Renger-Zorn kann bereits auf mehrere Veröffentlichungen zur Regionalgeschichte zurückblicken. Sie wohnt in Gernsbach und hat Klassische Philologie (Promotion 1984) und Geschichte studiert. Ihre lokalen und historischen Kenntnisse hat sie bereits in einem Buch über die Ebersteiner unter Beweis gestellt. In dem Buch „800 Jahre Gernsbach“ hat sie mit dem Beitrag über die Zeit von 1661 bus 1803 mitgewirkt: „Unter der Herrschaft absoluter Fürsten“. Darüberhinaus hat Cornelia Renger-Zorn mehrere Theaterstücke geschrieben und leitet die mittelalterliche Stadtführung sowie den Nachtwächter-Rundgang in Gernsbach. Seit 1997 ist sie Mitglied des Arbeitskreises Stadtgeschichte Gernsbach.

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Buchvorstellung am 5. September 2021 in den Gernsbacher Zehntscheuern

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Die gute Stube Gernsbachs

Rund um die Hofstätte

Die Nachricht über den Umbau der Brückenmühle zu Wohn- und Geschäftszwecken in absehbarer Zeit war eine Sommer-Überraschung. Die Brückenmühle ist nicht nur ein stadtbildprägendes Gebäude, vielmehr bestimmt sie auch den Zugang zu der historischen Hofstätte. Mit den baulichen Veränderungen an der Brückenmühle wird auch die Hofstätte ein neues Entree erhalten. Ein neuer Blick auf die gute Stube Gernsbachs wird freigeben.

Bis in die 1960 Jahre war die Mühle aktiv, rund 50 Mitarbeiter zählte damals der Betrieb. Doch dann wurde der Betrieb eingestellt und der Lebensmittelhändler Pfannkuch zog ein.

Bei der Brückenmühle gab es einst ein „Fluss- und Schwimmbad unter der Murg“. Für 10 Pfennig konnte man eine Abendkarte zum Schwimmen erwerben. Damals gb es noch getrennte Badezeiten für Männer und Frauen: Die „Damenzeiten“ waren „von 8 bis 10 ½ Uhr morgens“ und von „1 bis 3 ½ Uhr nachmittags“ – wie man heute noch auf einem Plakat in der Restauration Brüderlin nachlesen kann.

Die Sanierung des Brückenmühle war einst Anlass für das erste Altstadtfest im September 1975.

1997 schloss die Filiale der Fima Pfannkuch, seither steht das Erdgeschoss leer. Lediglich anlässlich des Jubiläums 150-Jahre-badische Revolution wurde der Raum für eine Ausstellung zur Revolutionsgeschichte in Gernsbach genutzt. Nach langen Jahren der Suche nach einer Nutzung der Brückenmühle ist nun der Durchbruch gelungen und eine zukunftsversprechende Lösung gefunden. Für die Hofstätte steht damit ein attraktiver Zugang in Aussicht.

Auch wenn drei Fußwege (August-Müller-Steg, Kirchenstaffeln und der Fußweg entlang des Gebäudes von Hofstätte 1) sowie vier Straßen zur Hofstätte führen (Mühlgraben, Hauptstraße, Waldbachstraße und Schlossstraße), so geschlossen wirkt das Ensemble. Die Häuser entstammen unterschiedlichen Jahrhunderten und weisen ein vielfältiges Erscheinungsbild auf.

Direkt an den Mühlgraben schließt sich wohl das modernste Gebäude des Platzes an, das erst 1960 sein heutiges Aussehen erhalten hat. Heute beherbergt das Gebäude das „My Wok Bistro – Spezialitäten aus Asien, älteren Gernsbachern ist es noch als  Marienapotheke der Familie Riether bekannt. Zuvor hat die Metzgerei Anselm hier ihre Metzgerei betrieben. Ein paar Stufen führten damals noch hinunter zu dem Eingang, der früher unter dem heutigen Niveau der Hofstätte lag.

Das Asia-Restaurant bedient seine Gäste heute auch in einem Außenbereich, wie auch das danebenliegende Café Felix und das Gasthaus Hirsch von gegenüber. Seit der Umgestaltung der Hofstätte im Jahr 1992, bei der nicht nur der Pflasterbelag, sondern auch breiteren Raum für die Fußgänger geschaffen wurde, gibt es seither eine Möglichkeit für diese Bewirtung.

Dieser Raum wird heute für die Außengastronomie rege genutzt. Entfallen ist allerdings die einstige Bushaltestelle in diesem Bereich, an der über viele Jahre der Busverkehr Richtung Baden-Baden Station machte. Nicht zuletzt wegen der Fahrplananpassungen an die neue Stadtbahn durchs Murgtal wurde 2002 die Verbindung über das Müllenbild nach Baden-Baden ganz gestrichen. Da die großen Busse immer wieder Probleme hatten, ihren Weg auf der schmalen Straßenführung des Stadtbuckels zu finden, . Daher wurdel die Haltestelle „Hofstätte“ aufgehoben und wurde am  28. Mai 2006 letztmals angefahren.

Die Busverbindung nach Baden-Baden hatte lange Tradition: bereits 1905 hatte sich eine private „Automobilverkehr Gernsbach GmbH“ gebildet, mit dem Ziel, Kurgäste von Gernsbach nach Baden-Baden zu fahren – von der Haltestelle Hofstätte aus. Somit gehört die Verbindung von Gernsbach nach Baden-Baden zu einer der ältesten Buslinien Deutschlands.

Direkt daneben findet sich das traditionsreiche Gebäude, Hauptstraße 6. Heute  befinden sich im Erdgeschoss das beliebte Café Felix, im westlichen Schaufenster präsentiert der „Weinschmecker“ seine Produkte. Lange Jahre befand sich hier ein gut frequentierter Gemüseladen mit reichhaltiger Auswahl und daneben ein Orthopädie-Geschäft.

Schaut man weiter in die Vergangenheit, stößt man auf die reiche Geschichte der Gastronomie in diesem Haus. Bereits 1511 ist hier eine Schildgerechtigkeit überliefert, bis 1930 war das Gasthaus zur Krone auch noch aktiv. Um 1900 galt als eine der ersten Adressen in Gernsbach. Aus einer Rechnung aus dem Jahr 1894 zeigt sich die Attraktivität des einstigen Gastbetriebes: eine Gesellschaft die an diesem Juli-Abend 44 Flaschen „Affenthaler“ und 176 Flaschen Klingelberger mit immerhin 22 Sodawasser und 20 Cigarren genoss, hat hier wohl einen vergnüglichen Abend verbracht. Älteren Gernsbachern ist das Haus wohl noch als „Zigarren- Zigaretten- und Tabakspezialgeschäft“ bekannt, das auch „Schokoladen und Konfitüren“ feilbot. Untrennbar ist dieses mit dem Namen Walter Lutz verbunden, der das Geschäft in den mittleren Teil des Gebäudes, in den ehemaligen Gastraum der Krone, verlegte und dieses Spezialitätengeschäft mit seiner eigenen Ausstrahlung bis 1996 betrieb.   

Am Aufgang zur Altstadt findet sich ein attraktives Fachwerkhaus. Hier in der Hofstätte 8 waren im Laufe der Jahrhunderte viele Handwerker beheimatet, wie es die eingeschnitzten Zeichen in dem nordwestlichen Eckbalken belegen. Der unterste Eintrag ist jüngeren Datums, nämlich nach 1951 ergänzt worden, nachdem der Verputz entfernt wurde. Die Familie, die mir viel Engagement und Tatkraft in das Gebäude investiert, führt nun in fünfter Generation das Friseurgeschäft. Im Laufe der Jahrzehnte haben sie sich immer wieder dem Wandel angepasst. Einst „Salon Herzog“ ist hier Anita Löwenthal mit ihrem Team aktiv. Schon im Einwohnermeldebuch von 1903 inseriert das Friseurgeschäft: “Lager in Parfümerie und Toilettenartikel, Haararbeiten, Massage, elektrische Hühneraugenoperation“. Für die damalige Zeit war gerade diese elektrische Behandlungsmethode ein Ausdruck des Fortschritts des 20. Jahrhunderts, gab es doch erst seit wenigen Jahren elektrische Stromversorgung in Gernsbach. 

Die wohl wechselvollste Geschichte hat das Haus Hofstätte 7 hinter sich. Der Gewölbekeller, das Erdgeschoss und das erste Obergeschoss wurden vermutlich bereits 1432 errichtet und 1712 wahrscheinlich erneuert und aufgestockt. Im 19. Jahrhundert bestimmte die Familie Wallraff das Leben in dem Haus. Sie betrieb dort das „Gasthaus zum Laub“. Georg Friedrich Abel, Bürgermeister von Gernsbach von 1862-1900, hatte das Gastahaus nach seiner Rückehr aus Amerika, wohin er nach den Unruhen von 1848 ausgewandert war, mit seiner Frau übernommen. Nachfolgerin wurde Enkeltochter Erna Abel, die das Gasthaus bis zum Ende des Zweiten Weltkries führte. Nach Ende des Krieges eröffnete Hermann Walz an dieser Stelle seine Bäckerei, Restauration und Café und servierte im Sommer im Freien am Hofstätte-Brunnen Kaffee und Kuchen. Paul Böckeler betrieb auf diesem historischen Boden von 1962 bis 1981 eine Konditorei. In den achtziger Jahren war neben einem Immobilien-Geschäft hier die Filiale des Badischen Tagblatts untergebracht.

1993 wurde das Haus unter der Leitung von Familie Vierling mit einem reichhaltigen Angebot von Haushaltswaren, Porzellan und Geschenkartikeln zu neuem Leben erweckt. Eine grundlegende Renovierung ging dem voraus, bei dem auch der altstadtgerechte Vorbau dem Fachwerkhaus realisiert wurde. 2008 knüpfte “Hofstätte Interieur und Design“ mit neuer Leitung an die Traditionen an. Nach der Schließung  des Geschäfts 2019 ist es heute als Beauty Salon Gern Style  (siehe Artikel S. 5) wieder mit Leben gefüllt.

Die „Traube“ gehört postalisch zur Waldbachstraße, bildet aber zwischen Schlossstraße und Kirchenstaffel den südlichen Eckpfeiler der Hofstätte. Um das Jahr 1900 ebenfalls als „altrenommiertes Gasthaus“ und bot es „reingehaltene, sebstgezogene Weiß- und Rotweine und Bairisch Bier“ an, außerdem stellte es „Zimmer von Mk 3,50“ zur Verfügung.  Nach langen Jahren der Bewirtung durch Familie Seyfried und danach von Familie Weinhandl gilt es heute als Musiklokal und Bar. 

Ein Rundgang über die Hofstätte kann nicht ohne Begutachtung des Hofstätte-Brunnens erfolgen, dem Kondominatsbrunnen.  Bereits 1511 ist dieses steinerne Zeugnis nachweisbar und hält die Mittlerfunktion des Platzes zwischen den einzelnen Teilen der Stadt wider. Er setzt der gemeinsamen Verwaltung der Stadt von Badenern und Ebersteinern ein markantes Denkmal.

Eine reiche Vergangenheit spiegelt sich in dem Anwesen Hofstätte 3-5 wider. Lange Jahre befand sich hier das Modehaus Motex. Über Generationen war hier allerdings ein Hotelbetrieb angesiedelt, der das Gebäude geprägt hat. Das ehemaligen Hotel Sternen galt über Jahrzehnte als führendes Hotel in Gernsbach. In letzten Jahrhundert hat die Familie Brude die Geschicke „Zum Goldenen Stern“ geleitet.

Noch heute ist die Gaststätte zum Hirsch aktiv und wird heute von Familie Cannistraro bewirtschaftet. Mit der Schildgerechtigkeit von 1530 gehört es zu den bedeutenden Sehenswürdigkeiten der Stadt. Die historischen bleiverglasten Butzenscheiben zeigen einzelne Murgtalsagen.  

Anfang der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts hatte nicht viel gefehlt, und die historische Gaststätte  wäre wegen des „Hirschecks“ verschwunden. Im Streit der Meinungen trug letztlich der damalige Inhaber, der „Hirsch“ blieb stehen und wurde von seinem abbröckelnden Verputz befreit. Man legte das Riegelwerk frei und fand dabei die Zeichen und Zahlen im Eckständer. Als Zunftherberge der Bäcker trat der Hirsch erstmals in Erscheinung, das war im 16. Jahrhundert. Anno 1689 brannte der Hirsch“ samt Umgebung nieder, doch schon 1694 war es in den heutigen Form wieder errichtet. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde es wieder von Familie Brude zum Gasthaus betrieben. 1933 hob das Hotel und Pension zum „Goldenen  Stern und Hirsch“  in einer Anzeige hervor: „feinbürgerliches Haus an der Murgbrücke. Altdeutsches Restaurant mit den Murgtalsagen“.

Die Hofstätte 1 beherbergt heute das Tui-Reisebüro, zuvor war darin die Deutsche Bank ansässig und hatte die lange Tradition des Hauses als Bank fortgeführt. Bereits 1903 hatte hier Jakob Dreyfuß ein Bank- und Wechselgeschäft. 1925 wechselte das Geschäft zur Rheinischen Creditbank, Hauptsitz Mannheim, Niederlassung Gernsbach. 

Seit Beginn des 16. Jahrhunderts wird die „Hoffstatt“ wie die Bleich, Igelbach, Gass, Hof und Walbach als „vorstette“ bezeichnet, wie Rainer Hennl in seiner Buch „Gernsbach“ seine Quellenarbeit herausgearbeitet hat, und umfasst bereits 14 Häuser. Aus seinen sozialtopographischen Untersuchungen geht hervor, dass die Hofstätte um 1630 als bestes Wohnquartier galt  – gemessen am Durchschnittswert der Häuser. Auch heute ist die Hofstätte ein attraktiver Platz. Er spiegelt auch die gesellschaftliche und ökonomische Entwicklung der Stadt wider. Es gibt keine Hutmacherin und kein Hotel mehr auf dem Platz, kein Lebensmittel- oder Gemüsegeschäft, keinen Metzger und keine Bank mehr. Doch haben sich Café, Friseur und Gaststätten gehalten oder wurden neu geschaffen und Geschenkartikel gibt’s in Sichtweite – und sorgen dafür, dass die Hostätte die gute Stube Gernsbachs bleibt.

Sicher wird sie sich weiterentwickeln und die Strömungen der Zeit aufnehmen: die Umgestaltung der Brückenmühle setzt sicherlich neue Akzente. 

Regina Meier

Ich möchte Dank sagen, all den Gernsbacherinnen und Gernsbachern, die mir in ihren Erzählungen und Fotos teil haben ließen an der Geschichte ihres Hauses und ihrer Familien auf der Hofstätte. Grundlage für diesen Beitrag bildet ein Artikel aus dem „Gernsbacher Boten“, den ich 1998 geschrieben habe. Seither ist viel passiert, Traditionshäuser sind verschwunden, neues Gewerbe hat sich angesiedelt. Ich konnte gar nicht alle Informationen aufnehmen. Sicher ist, die Geschichte des Platzes wird weitergeschrieben.

 

Dieser Beitrag erschien im “Gernsbacher Boten” 3/2021 im Casimir Katz Verlag am 16. September 2021