Beeindruckende Begegnungen in Danzig

Im Oktober 2025 stand mal wieder eine Danzig-Reise an. Ich wagte es mal wieder, mich auf die Spuren  meiner Eltern und Großeltern in deren Geburtsstadt zu begeben. Das letzte Mal war ich 2016 zu Archivrecherchen in Danzig, dann brachte Corona erstmal einen Einschnitt in weitere Reisepläne.

Zuschauerränge im Fußballstadion mit Fanplakat
“Gernsbach grüßt Danzig” war 2012 unser Motto!

Davor waren wir zu zweit 2012 in Danzig, damals zur Fußball-Europameisterschaft. Damals konnten wir sogar eines der Länderspiele in dem neuen Bernsteinstadion erleben! Während der Fußball-Europameisterschaft 2012 erhielt das Stadion die werbefreie Bezeichnung Arena Gdańsk, heute heißt es. Polsat Plus Arena Gdańsk nach einem privaten Fernsehsender. Für mich bleibts das „Bernstein-Stadion“!

Unterwegs in Sachen Familienforschung

Den Auftakt meines Danzig-Besuch bildete ein Ballettabend in der Oper Baltica,  in der Straße Zwycięstwa, früher unter Danziger Langfuhr-Allee bekannt.

Meine Vorhaben bei der Danzig-Reise waren Archivrecherchen in Sachen Familienforschung. Doch schon am ersten Tag wurden diese Anstrengungen auf eine schwere Belastungsprobe gestellt. Bei dem Besuch des Staatsarchivs stand ich vor verschlossenen Türen: „Heute und morgen wird der Lesesaal renoviert“. Also nichts mit Ausleihen von Archivalien geschweige denn weiteren Recherchen.

Ich nahm die angebotene Alternative an und begab mich ins Danziger Standesamt. Nach 90 Minuten anstrengender Anreise stand ich schließlich in dem Amtsgebäude und ging den Spuren meines 1945 verstorbenen Onkels Franz nach. Die Geschichte des Bruders meiner Mutter erzählte sie mir bei unserem ersten gemeinsamen Besuch in Danzig 1983. Viel wusste ich nicht von dem unter dramatischen Umständen in den letzten Kriegstagen verstorbenen 29-Jährigen. Doch dank der Amtsakten fand ich sogar das Todesdatum heraus. Irgendwie befremdlich, dass inmitten des letzten Kriegshandlungen die Standesamts-Eintragungen vollzogen wurden!

Meine Tage in Danzig waren eingebettet in den „Tag der Danziger“. Diese vom Bund der Danziger e.V. ( BdDA) organisierten Treffen beinhaltete nicht nur einen Vortrag und ein Festprogramm, sondern vielmehr auch einen geführten Stadtrundgang durch die Ostseemetropole, eine Fahrt durch das Große Werder sowie ein Besuch des Konzentrationslagers Stutthof. Dabei wurde jeweils betont, dass nicht der Blick in die Vergangenheit im Zentrum des Treffens steht, sondern das Bekräftigen der Versöhnung und den Wunsch nach einem friedlichen Miteinander zwischen den Völkern.

Der Verein der Danziger mit Sitz in Lübeck, der sich hauptsächlich der Heimatpflege und Heimatkunde, insbesondere durch Erhaltung, Pflege und Entwicklung der Danziger Kultur, der Sprache und der Mundarten sowie Vermittlung der Danziger Identität kümmert, hatte zu einem dreitätigen Treffen nach Danzig eingeladen.

„Gegen Danzig ist alles nichts…“

Bereits am Freitag fand ein Abend mit der Deutsch-Polnischen Gesellschaft (TPN) Die neuen Räumlichkeiten und der neu strukturierten Lesestube in der Starowiesjka 15 (Lautentaler Weg) statt.
Höhepunkt des Abends war der Vortrag von Daniela Grenz und Stefan Kutscher „Gegen Danzig ist alles nichts…“. Grenz, die 2. Vorsitzende des BdBA, hat ihre Erfahrungen und ihre Recherchen zur ihrer Danziger Familie in einem Vortrag zusammengefasst. Die Anwesenden bewunderten ihre Zielstrebigkeit bei der Suche nach Details der Familiengeschichte und konnten anhand der historischen Familien- und Danzig-Fotos Parallelen zu der eigenen Familiengeschichte ziehen. Denn viele in der Gruppe hatten Verwandte, die in Danzig seit Generationen beheimatet sind. Doch viele tun sich mit der Aufarbeitung schwer. Zum einen fehlen nachweisbare Details Familiengeschichte, vieles ist nur mündlich und bruchstückhaft überliefert. Daher war es für viele mutmachend, ein Ergebnis von jahrelangen Familienforschung in dieser professionellen Form zu erleben. Dies beflügelte das anschließend gesellige Beisammensein. Das herzliche Willkommen von Jolanta Murawska, Vorsitzende des TPN (Deutsch-Polnische Gesellschaft in Danzig) und ihrer Stellvertreterin Karolina Misztal-Świderska folgte ein reichhaltiges Buffet, das aus eigenen Reihen gestemmt worden. Bereits an diesem ersten Zusammentreffen wurden bestehende Beziehungen gepflegt und neue geknüpft . Die Vertreterinnen und Vertreter der Deutschen Minderheiten aus Danzig, Gdingen, Dirschau und Stolp waren viel gesuchte Gesprächspartner. Für Hannes Mundinger, Kulturdezernent am Deutschen Generalkonsulat Danzig, bot der Abend ein willkommene Begegnung mit zahlreichen Akteure der Danzig-deutschen Freundschaft.

„Aus Erinnerung Zukunft gestalten“

Das zentrale Festprogramm des Tags der Danziger fand am Samstag in der Aula der Musikakademie (AMUZ), einem renommierten Versammlungssaal nahe des Zentrums von Danzig, statt.

Für Marcel Pauls, Vorsitzender des BdDA, betonte bei seiner Begrüßung zum Festprogramm diesen historischen Augenblick, denn Danzig war und ist ein Ort der Bewegung. Er führte aus, dass von hier  jene Kraft der Freiheit und der Erneuerung ausging, die mit der Solidarność-Bewegung den Eisernen Vorhang ins Wanken brachte. Damit wäre nicht nur Polen verändert worden, sondern ganz Europa – und habe vielen der ehemaligen Danzigern die Möglichkeit gegeben, die alte Heimat nicht als Fremde, sondern als Freunde wieder aufzusuchen. Dem BdDA ist es ein Anliegen, aus Erinnerung Zukunft zu gestalten.

Am Schluss seiner Rede zitierte Pauls einen Satz von Tadeusz Mazowiecki (1927-2013), der erste nichtkommunistische Ministerpräsident Polens nach dem Zweiten Weltkrieg: „Versöhnung ist nicht das Vergessen. Sie ist das Erinnern mit Würde.“ Er dankte allen Aktiven, die dieses Treffen möglich gemacht haben und sich für das Programm engagiert haben, allen voran Ulrike Lorinser vom BdDA.

Impulse für Frieden und Verständigung setzen

In seiner Eigenschaft als Beauftragter für Vertriebene, Aussiedler und Spätaussiedler des Landes Nordrhein-Westfalen sprach Heiko Hendriks, ein Grußwort. Er war auch gekommen, um die Bande, die er bereits 2021 als Schirmherr des Tags der Danziger in Düsseldorf geknüpft hatte, weiter zu kräftigen. Außerdem konnte er am Rande der Veranstaltung die letzten Details besprechen, bevor Basil Kerski als Präsident des Hauses der Geschichte Nordrhein-Westfalen nach Düsseldorf wechselt. Kerski gibt nach 14 Jahren die Leitung des Europäischen Solidarność-Zentrums in Danzig auf, das etwa eine Million Besucher pro Jahr zählt. Hendriks betonte in seiner Rede, dass es bei dem Tag der Danziger nicht um eine Verklärung einer rückwärtsgerichteten Erinnerung geht, sondern im Mittelpunkt steht, Impulse für Frieden und Verständigung zu setzen. Für die Deutschen Minderheiten in Polen sprach Jadwiga Goljan, Gdingen, ein Willkommen.

Symbiose von Danzig und Solidarnosc

Professor Stefan Chwin, der dem deutschen Publikum vor allem wegen seiner Romane, die in Danzig angesiedelt sind, bekannt ist, sprach über „Danzig als Hauptstadt der aufbegehrenden Polen: Solidarnosc als Hoffnung für die Menschen in Polen, Berlin und Europa“. Der Vortrag, der auf Vermittlung des Kulturreferats Westpreußen möglich gemacht wurde, nahm die einzelnen Stationen der Freiheitsbewegungen in der DDR 1953, in Posen 1956 und Budapest, sowie Prag 1968 und schloss mit den historischen Ereignissen in Danzig 1970 und 1980. Er ging auf die deutsche Solidarität von Deutschen für Solidarnosc ein. Hilfreich war für den Vortrag, den der Schriftsteller auf polnisch hielt, die Einblendung zahlreicher mit Untertiteln versehenen historischen Fotos.

Die herausragende musikalische Umrahmung des Festprogramms wurde von Daniela Grenz und Stefan Kutscher übernommen. Die beiden verstanden es meisterhaft mit ihren Akkordeons die Festgemeinde mit auf gleichermaßen klassischen wie gefühlvolle musikalische Reise mitzunehmen.

Umfangreiches Rahmenprogramm

Das Rahmenprogramm beinhaltete eine Busfahrt durch das Große Werder, in der Wolfgang Naujocks durch seine neue, alte Heimat führte. Mit viel Detailwissen machte er auf die  lokalen Besonderheiten von Natur und Kultur aufmerksam. Dazu gehörten der Stopp bei einem historischen Vorlaubenhaus sowie einer Windmühle. Besonderes Erlebnis war der Besuch der Holzkirche in Palschau aus dem 16. Jahrhundert. Bei dem Rundgang durch Tiegenhof zeigte Naujocks die Entwicklung der nach dem Zweiten Weltkrieg völlig zerstörten Kleinstadt zu einer lebenswerten, sich weiterentwickelnden Provinzhauptstadt von Nowy Djor auf.

Eine Stadtführung durch Danzig stand ebenso auf dem Programm. Auch wenn einige der Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Stadt kennen, waren sie doch offen für neue Sichtweisen. Die Stadtführerin verstand es gekonnt, das mehrere hundert Jahre der Geschichte Danzigs, mit den Erinnerungen an ein Danzig um 1939 und der heutigen Situation zu verbinden. 

Trotz des straffen Programms blieb den Teilnehmerinnen und Teilnehmern genügend Zeit des Kennenlernens und des Austausches eigener oder Familienerfahrung des Danzigerlebens

Der Sonntag war dem Gedenken gewidmet. Eine Gruppe fuhr nach Stutthof und dem dortigen ehemaligen Konzentrationslager. Unter der fachkundigen Führung von Wolfgang Naujocks erfuhr die Gruppe nicht nur das Entstehen des Lagers ab 2. September 1939, sondern folgte den Ausführungen, die darlegten unter welchen menschenunwürdigen Bedingungen die Lagerinsassen damals hier leben mussten. Das neugestaltete Besucherführung zeigte, dass hier viel Wert auf Erinnern, aber auch auf Vergeben gelegt wird.

Der Besuch der historischen Kirche in Steegen war der passende Abschluss einer belastenden Nachmittags, dessen Erleben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sicher nicht so schnell vergessen. Mit einem Spaziergang am Strand der Ostsee konnte man sich bei bestem Herbstwetter nochmals den Wind um die Ohren wehen lassen. In den Buden am Strand wurden nicht nur Kaffee und Kuchen angeboten, auch für den herzhaften Appetit wurden Gerichte aus frischem Fisch geboten – bis hin zur Aalsuppe.

Das angenehme Herbstwetter ermöglichte mir nach der Rückkehr nach Danzig noch, auf den Hagelsberg zu gehen. Zuerst versuchte ich auf den Bischofsberg zu kommen, doch irgendwann stand ich vor einer verschlossenen Eisentür. Ein Erreichen des höchsten Punkts war nicht möglich. Umso erfolgreicher war das Besteigen des Hagelsberges. Hinter dem Bahnhof gelegen hat man von dort oben einen herrlichen Rundblick auf Danzig, seinen vielen Türmen und seinen engstehenden Häusern der Altstadt. Doch für mich war nicht dies nicht der einzige Grund, hier hinaufzusteigen. Auch nicht das Nachspüren der im Roman „Der goldene Pelikan“ von Stefan Chwin beschriebenen Plätze. Vielmehr wollte ich dem Grab meines Onkels nachgehen. Er wurde zu Beginn 1945 hier bei „Schießstange“ beerdigt. Die Kriegswirren, die Nachkriegszeit und der Wiederaufbau der völlig zerstörten Stadt Danzig brachten es mit sich, dass viele Friedhöfe nicht mehr existieren. So hat man 2002 am Fuße des Hagelsbergs, gleich hinter dem Bahnhof, den „Friedhof der nicht mehr existierenden Friedhöfen“ angelegt. Dabei handelt es sich um eine Gedenkstätte zur Erinnerung an die aufgelösten Friedhöfe der unterschiedlichen Religionsgemeinschaften in Danzig. Ein weiteres aktuelles Zeichen der Versöhnung und Vergebung. Für mich ein wichtiger Ort, um einen weiteren Teil der bislang verschütteten Familiengeschichte vor dem Vergessen zu bewahren.

 

„Do zwidanje“

Für mich waren die Tage in Danzig damit noch nicht beendet. Es stand der verschobene Besuch im Staatsarchiv in Danzig noch an. Und auch dort fand ich wesentliche Bausteine für die Familiengeschichte. Der hilfreiche Archivar verwies mich auch an die umfangreichen Online-Fundstellen. Mittlerweile sind wesentliche Teile des Archivs online zugängig. Allerdings muss man der polnischen Sprache mächtig sein, oder jeweils ein ónline-Übersetzungs-Hilfsmittel zurückgreifen können. Aber das hatte ich ja schon im Standesamt erfahren.

Nach einem anstrengenden Archivstunden gönnte ich mir ein letztes gutes Abendessen im historischen Zentrum von Danzig. Und als musikalischen Ausklang ein Klavierkonzert bei Kerzenschein: Chopin in der Katharinenkirche. Ein schöner Bogen wurde somit mit der Musik geschlagen: von dem klassischen Ballettmusik über excellente Akkordeonklänge wieder zurück zu romantischen Klavierklängen.  

Und der Schlusssatz für die Danzig-Besuche ist noch nicht gesprochen, vielmehr haben sich weitere Besuchsstationen und Anknüpfungspunkte in der Famliengeschichte ergeben. Es ist  eher ein nachdrückliches „Do zwidanje“ an den Schluss des Rückblicks zu setzen.

Regina Meier – Oktober 2025

 

Traditions-Restaurant Brüderlin ist geschlossen

Jutta Marko leitete fast 40 Jahre das Brüderlin. Foto: Meier

Jutta Marko verabschiedete sich Ende Oktober als Wirtin des Brüderlins. Seit 1984 leitete sie das Gasthaus, die ersten Jahre mit ihrem Ehemann. In der Tradition ihrer Großeltern und Eltern steuerte sie das Lokal fast 40 Jahre in ungebrochener Beliebtheit.

Mit ihrem Rückzug vom Brüderlin endet eine Ära. Jutta Marko hat den Gästen einen Raum gegeben, in dem man ganz selbstverständlich Gemeinschaft pflegen konnte, in dem man behaglich essen, trinken, diskutieren, feiern, zusammensitzen konnte. Es wird nicht nur die jahreszeitlich geprägte Speisekarte fehlen, die behagliche Stube voller Erinnerungsstücke, die selbstverständliche Anlaufstelle in der Altstadt – eine Institution in Gernsbach, die Historie und Gegenwart so gastlich verbindet. Dieser Ort bot etwas Unverwechselbares, ein Ort mit eigener Geschichte. Das Brüderlin diente nicht nur dem Konsum, sondern der menschlichen Begegnung. Es herrschte in den Stuben eine stimmige Atmosphäre, der man sich nicht entziehen konnte, eine belebende Mischung von Stammtisch- und Speiselokal.

Den Abschied hatte sich Jutta Marko nicht leicht gemacht, die Entscheidung seit Jahren vor sich hergeschoben. Sie gibt unumwunden zu: „Wenns nicht so viele schöne Stunden gegeben hätte, hätte ich viel früher aufgehört.“ Dabei konnte sie auf den Rückhalt der Familie setzen. Bruder Ernst-Ludwig Singer stand ihr stets tatkräftig zur Seite. Sohn Sigi und Tochter Manuela kamen zu besonderen Anlässen in den letzten Jahren, um ihr unter die Arme zu greifen.

Einen tiefen Einschnitt schuf die Corona Krise. Doch auch in diesen schwierigen Jahren wollte Jutta Marko nicht die Flinte ins Korn werfen. Nun ließen ihr die gesundheitlichen Einschränkungen und die Personalenge ihr nun keine andere Wahl. Mit den Ansprüchen an eine angemessene Weiterführung des erreichten Standards habe sich auch kein Nachfolger gefunden.

Das Brüderlin in einer Zeichnung von 1889.

Als Jutta Marko ihr Lokal zu Ende Oktober 2023 schloss, verloren auch 13 Mitarbeiterinnen aus sechs Nationen ihren Arbeitsplatz. Doch sie fallen nicht ins Leere, durch die langfristige Ankündigung der Beendigung des Betriebs konnten die Kräfte angemessene neue Stellen finden. Schließungen sind derzeit im Gastgewerbe kein Einzelfälle. Deutschlandweit haben sich die Anzahl der Gasthöfe von 2014 von 14.700 auf 9.100 Betriebe im Jahr 2021 verringert. Das sind fast 40 Prozent! Und die Zahl wird weiter zurückgehen. „Neben dem wechselhaften Wetter stellten 64,5 Prozent der Betriebe einen Rückgang der Gästezahlen wegen der zunehmenden Konsumzurückhaltung fest“, bestätigt der Verband des Deutschen Hotel und Gaststätten Verbandes. Dazu kommen noch die Kostenexplosion in den Bereichen Lebensmittel und Energie, Personal und die zunehmende Bürokratie, und die Sargnägel für die Gastronomie sind geschmiedet. Die Verbandsworte: “Wenn noch mehr Restaurants und Cafés verschwinden, würde der Verödung von Innenstädten weiter Vorschub geleistet werden,“ lassen sich in Gernsbach auf einen einfachen Nenner bringen: Wenn das Brüderlin als Gaststätte die Tür schließt, ist eine bedeutende Attraktion der Altstadt verloren.

Die Concession vn 1892 mit Brandweinausschank. Quelle: Famiienarchiv Brüderlin

Großvater Ernst Brüderlin übernahm 1892 das Gasthaus in der Hauptstraße. Er begründete den Betrieb einer Schankwirtschaft mit Branntweinausschank. Nach seinem Tod 1928 führte Ehefrau Julie das Gasthaus weiter. Die Zeiten des Zweiten Weltkriegs und die Nachkriegszeit waren für die Wirtsfrau und deren Tochter Julchen nicht einfach. Nach der Hochzeit von Julchen Brüderlin mit Siegfried Singer, der vom Hotel Löwen in Gernsbach rechts der Murg auf die andere Murgseite wechselte, führten sie die „Restauration Brüderlin“ weiter.

Deren Tochter Jutta trat wie selbstverständlich in die Fußstapfen ihrer Eltern und Großeltern. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Wolfgang Marko übernahm sie 1984 das Ruder in der Wirtschaft. Anfänglich war noch Vater Siegfried im Hintergrund aktiv, Mutter Julchen war bis ins hohe Alter immer im Gastraum präsent.

Historische Postkarte des Brüderlin. Quelle: Stadtarchiv Gernsbach

Jutta Marko setzt die Reihe der „starken Frauen des Brüderlin“ fort. Ihre Lehrzeit als Köchin absolvierte sie im Gasthaus Nachtigall, das damals für Wildgerichte einen hervorragenden Namen hatte. Nach ihrem weiteren beruflichen Weg im Badischen Hof Steigenberger, Baden-Baden, wo sie ihren späteren Ehemann kennenlernte, erreichte sie den Gesellenbrief mit der stolzen Note von 1,0. Doch fand sie trotzdem keine geeignete Stelle. „Damals traute man Frauen noch nicht Spitzenpositionen in der Gastronomie zu“, bekennt sie in der Rückschau.

Jutta Marko hatte immer ein Auge auf die Stadtgeschichte Gernsbachs. Hier ein Tuch aus dem Jahr 1953 mit Gernsbach-Motiven. Foto: Meier

Jutta und ihr Mann Wolfgang haben das Lokal  gewandelt. Das Ambiente behielten sie bei, die behagliche Ausstattung mit alten Stichen und historischen Ansichten von Gernsbach und Gernsbachern an den Wänden wurde weitergepflegt. Sie haben sie die Entwicklung vom Vesperlokal zum Speiselokal geschafft, wo abwechslungsreiche und saisonale Kost selbstverständlich ist. Damals wurde die täglich wechselnde Tageskarte entwickelt, nicht nur wöchentlich, wie Jutta Marko im Gespräch betonte. „Wo wird denn noch die Brühe für Suppen und Soßen selbst gekocht“, gab Ernst-Ludwig Singer bei einem Gespräch am Vormittag mit Blick in die Küche und die dampfenden Kesseln zu bedenken.

Jutta Marko hat nach dem überraschenden Tod ihres Mannes vor 23 Jahren wie selbstverständlich weitergemacht. So wurde die Gaststube zur Kinderstube ihrer Tochter Manuela und Sohn Sigi. Überhaupt fühlte man sich in der Gaststube wie in der guten Stube der Familie. Gasthaustür war auch gleichzeitig Haustür.

Wer hier eintrat, war nicht in Eile, wollte nicht einen schnellen Durst löschen oder im Stehen etwas essen. Gemächlicherer Rhythmus war angesagt.

Im Brüderlin fühlte man sich immer willkommen, gleichgültig, um welche Uhrzeit man kam oder mit wieviel Personen. Wenns ein paar mehr Leute waren, als an einen Tisch passten, wurde kurzfristig umgestellt. Unvergessen werden die vielen Nachmittagskaffees sein, in denen man nach einer Beerdigung zusammenkam. Bei diesen Anlässen wurde ganz deutlich: das Wesentliche ist das Gespräch, das Miteinander, auch in schweren Situationen.

Im Brüderlin waren sie alle zuhause: Die traditionsreichen Stammtische, die sich turnusgemäß trafen, die Puppentheater-Künstler, die Wingolfiten bei ihren Gernsbach-Treffen, die Fasentgruppen, die Feuerwehr-GruppenProbe, die Sport- und Kulturvereine. Hier wurde Partnerschaft zu Baccarat mit Leben gefüllt und über das bisschen Rauch der brutzelnden Merguez während des Altstadtfestes gelächelt.

Jutta Marko vor dem Plakat von 1977. Foto: Meier

Das Plakat „Wer Gernsbacher nicht gern hat, kann Gernsbacher gern ho“ grüßt seit über 40 Jahren im Eingangsbereich. So viele andere Kleinode finden sich an den Wänden, auf Fotos, auf den Simsen, in den Regalen. Doch dies ließe sich ja alles verschmerzen, wenn das „Brüderlin“ nicht mehr wäre als ein Raum mit vielen alten Fotos und guter Küche. Es ist das Lächeln und Willkommen von Jutta Marko, ihre unbeugsame Art, sich von Widrigkeiten nicht gleich den Wind aus den Segeln nehmen zu lassen, den Freuden und Sorgen ihrer Gäste zuzuhören, eine bodenständige Antwort parat zu haben – all das wird fehlen.

Jutta Marko und ihr Bruder können sich noch gar nicht vorstellen, wie die Zeit nach der Schließung aussehen wird. Zu tief war in den letzten Jahren der Tages- und Jahresablauf auf die Gastwirtschaft ausgerichtet. Auf jeden Fall will sie sich ihren Wunsch erfüllen, Veranstaltungen in Gernsbach zu besuchen und mal am kulturellen Leben in Gernsbach teilzunehmen – diesmal nicht hinter der Theke. Mit einem herzlichen Dank an die Familie, an alle Vereine, Gruppen und Familien, die oft über Generationen die Treue zum Brüderlin gehalten haben, blättert sie gedankenversunken durch das Erinnerungsbuch. 

Bei den vielen Abschieds-Essen, die in den letzten Wochen vor der Schließung stattfanden, stand ein Thema im Mittelpunkt. „Wo treffen wir uns nach dem 30. Oktober?“ Und die Gäste, die an den runden Tischen mit ihrem prägnanten Holzplatten zusammenkamen, stellten plötzlich fest, dass das Brüderlin mehr war als ein Ort der guten Küche und zentralen Lage. Man kam hier zusammen und knüpfte oft längst verlorene Fäden. Nachbarn, die sich schon lange nicht mehr getroffen hatten, ehemalige Schulkameraden, die sich fast nicht mehr erkannten, Vereinskollegen, die man sonst nur im Vorbeigehen kurz grüßt, waren hier für ein gemütliches Gespräch offen. Nicht der Tresen wie in den modernen Kneipen ist der Mittelpunkt, sondern der Tisch aus massivem Holz. Nicht das Kommen und Gehen machte die Seele des Lokals aus, sondern das Sitzen und Zusammensein.

Jutta Marko blättert in dem Abschiedsalbum. Foto: Meier

Eine besondere Geste zum Abschied wurde von den Waldschäddern, Gernsbach, angestoßen. Sie haben eine Art Gästebuch aufgelegt, in denen man ein Grußwort schreiben durfte. Herausgekommen ist eine Sammlung der Wertschätzung der Gäste und Freunde, die sich über Jahre aufgestaut hat und oft nicht zum Ausdruck gekommen ist. Für Jutta Marko und ihre Familie birgt es einen Schatz an Erinnerungen und Dank für die Gastfreundschaft über die vielen Jahre im Haus Hauptstraße 3. Darin wird sicherlich noch lange geblättert und hält die Erinnerung an viele Gäste und Begegnungen wach. „Dies Gasthaus bleibt unvergessen / in den Annalen dieser Stadt / ist ihm ein fester Platz bemessen“, lautet ein Gedichtzeile in dem Buch. 

Ein persönlicher Abschiedsgruß von meiner Seite: In meinem Gernsbach-Mosaik fehlt zukünftig ein Stein. Ich freue mich für Jutta, dass sie eigenbestimmt ihren weiteren Lebensabschnitt gestaltet und sehe den zukünftigen Begegnungen entgegen.

Regina Meier

Der letzte Abend im Brüderlin: 30. Oktober 2023. Foto: Meier

 

Der Artikel erscheint im Gernsbacher Bote 4/2023, Erscheinungstermin: 28. November 2023